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Grau wie der Genuss

Grau wie der Genuss

Warum Mohn aus dem Waldviertel schon seit Jahrhunderten als Delikatesse gilt.

Waldviertler Graumohn ist ein überaus bekömmliches Lebensmittel, das in der heimischen Mehlspeistradition ebenso fest verankert ist wie bei den Backwaren. Der Anbau von Mohn aber geht zurück bis in vorgeschichtliche Zeit – speziell wegen der medizinischen Eigenschaften dieser faszinierenden Pflanze.

TEXT: SEVERIN CORTI

Mohnstriezerl, Mohnstrudel, Mohnbeugel oder auch das einzigartige Feierabend-Roggen-Buchweizenbrot mit einer dichten Kruste aus Mohn: Bei uns in Österreich, und natürlich auch bei Ströck, haben Spezialitäten aus und mit Mohn eine lange, vielgeliebte Tradition. Die böhmische Mehlspeisküche, auf der unsere Süßspeisenkultur sich als wesentliche Säule stützt, wäre ohne Mohn kaum denkbar. Man denke nur an Zwetschkenknödel, Germknödel oder Mohnnudeln – absolute Grundpfeiler der österreichischen Idee des guten Essens, für die wir nicht zufällig weltberühmt sind.

Insofern ist es nicht wirklich verwunderlich, dass gerade das an Böhmen angrenzende Waldviertel die österreichische Heimat des Graumohnanbaus ist. Dabei waren es ursprünglich gar nicht kulinarische Gründe, die Waldviertler Klöster wie das ehrwürdige Stift Zwettl ab dem Mittelalter zur Kultivierung von Gartenmohn animierten, aus dem dann unser heutiger Graumohn entstand. Vielmehr war es die wesentliche, andere Nutzungsmöglichkeit der Pflanze mit den prächtigen Blüten und prallgefüllten Samenkapseln: die Medizin. Heilmittel gegen Schmerzen und Schlaflosigkeit aus den Wirkstoffen des Mohns wurden ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Zwettl hergestellt. Das lässt sich bereits im ältesten Urbarium des Stiftes Zwettl von Abt Ebro aus dem Jahr 1280 nachlesen. Aber auch Mohnöl wurde damals bereits gewonnen – wenn auch in der Hauptsache, um es für die Beleuchtung der Kirchen und Klosterräume mittels Öllampen einzusetzen.

Ein Feld in Rot-Weiß-Rot

Heute ist der Mohnanbau im Wald- und Mühlviertel ausschließlich aus kulinarischen Gründen etabliert. Nicht weniger als 3.000 Hektar sind für den Anbau registriert. Der Mohnanbau spielt für die vorrangig kleinstrukturierte Landwirtschaft im Waldviertel damit eine bedeutende wirtschaftliche Rolle und gewinnt als landschaftsprägendes Element speziell auch für den Tourismus immer mehr an Bedeutung. Die rot-weiß-rot blühenden Mohnfelder locken jährlich viele Urlauber ins Waldviertel.

Das Wissen um die medizinische Wirkung des Mohns geht aber viel weiter zurück. Wegen der schmerzstillenden und schlaffördernden Eigenschaften seiner Inhaltsstoffe ist Mohn eine der ältesten Heilpflanzen überhaupt und lässt sich bis in die Jungsteinzeit, 5.200 vor unserer Zeitrechnung, nachweisen. Die alten Ägypter nutzten ihn ebenso wie die Griechen, die Sumerer und die Chinesen für kultische Handlungen ebenso wie für medizinische Zwecke.

Samen gegen Schmerz

Die außerordentliche Bedeutung, die die Entdeckung des Opiums für die Menschen von damals hatte, ist heute gut nachvollziehbar. Erstmals standen der Heilkunst Mittel zur Verfügung, die Schmerzen stillten und viele medizinische Eingriffe für den Patienten erträglicher oder gar erst möglich machten. Insofern ist es verständlich, dass die kulinarischen Vorzüge des Mohns erst viel später für erwähnenswert befunden wurden. Während für den Gewinn von Opium und anderer Grundstoffe der Arzneimittelherstellung der Saft unreifer Mohnkapseln herangezogen wird, verliert der Mohn in reifer Form seine medizinisch wirksamen Eigenschaften. So kann er als Genussstoff kulinarischer Natur herangezogen werden.

Und das ist gut so, denn Mohn ist nicht nur köstlich, sondern auch gesund. Er gilt als eines der kalziumreichsten Lebensmittel überhaupt und enthält zahlreiche Vitamine der B-Gruppe. Berichte, wonach der Genuss von Mohnbeugeln und -zelten, von Mohnstriezerl und -strudeln, von Germ- und Zwetschkenknödeln in hohem Maße süchtigmachend sei, können in diesem Sinne – und in entschiedenem Gegensatz zu tatsächlichem Suchtgiftmissbrauch – also ausdrücklich begrüßt werden.

Der Mohn ist süß und salzig gut, wie bei unseren Bio-Mohnstriezerl, beim Feierabend-Roggen-Buchweizenbrot und natürlich beim Mohnstrudel.