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Das Brot – ein Festmahl

Das Brot – ein Festmahl

Unsere Coverstory über das Sandwich als Essen mit langer Geschichte – und als Festmahl der Extraklasse!

Wir alle kennen Sandwiches als grandiose Snacks. Die Kombination aus gutem Brot und ebensolchen Toppings hat aber das Zeug dazu, als wahres Festmahl serviert zu werden.

Es soll Menschen geben, die sich bei der Zubereitung von Roastbeef, Steak oder Brathendl am allermeisten auf die Sandwiches am Tag nach dem Festessen freuen. Ein Braten, frisch aus dem Rohr, schaut zwar vielleicht besser aus – geschmacklich aber hat ihm das Sandwich vom Tag danach meist einiges voraus. Das Fleisch hat dann eine Nacht Zeit gehabt, sich aromatisch weiterzuentwickeln und noch zarter zu werden, es kann mit extra Schmelz in Form von Butter, feinem Öl oder Mayonnaise veredelt werden, es kann mit knackigem Gemüse (ob frisch oder gesäuert) aufgeladen werden. Und die gelierten Säfte, mit ins Brot gepackt, verleihen so einer Komposition eine geschmackliche Konzentration, die es mit fast jeder Kreation aus der feinen Küche aufnimmt.

Ganz speziell gilt das natürlich, wenn das Brot oder das Weckerl, das da als Unterlage dienen darf, auch mit entsprechender Achtsamkeit gebacken wurde. Während wir in Österreich uns, Stichwort Wurstsemmel, vergleichsweise langsam mit der Idee anfreunden, belegtes Brot als vollwertiges Essen und großen Genuss zu erkennen, ist das Sandwich international längst zur Ikone zeitgemäßen Essens avanciert. (Nebenstehend haben wir ein kleines Kompendium weltberühmter Sandwiches angelegt – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit.)

Das Sandwich gehört zur wunderbaren Klasse der Gerichte, die ihr eigenes Geschirr und Besteck sind – es ist Essen, reduziert auf das Wesentliche, Minimalismus in seiner schönsten und besten Form. Keine störende Schicht Kultur, keine Zügel der Zivilisation, die sich da wichtig zwischen uns und das Objekt unserer Begierde schieben. Und das Beste: Es ist vollkommen in Ordnung, ein Sandwich mit den Fingern zu essen. Mit Messer und Gabel schmeckt es nicht einmal halb so gut. (Okay, die ausschweifend reichhaltig belegten Smørrebrøds der Skandinavier, bei denen die Scheibe Brot oftmals zu reinem Vorwand für extravagante Topping-Kombinationen verkommt, lassen sich unmöglich mit der Hand genießen.

Die sind auf eine Art elaboriert, dass man das feine Tafelsilber aus der Kiste holt.) Wobei das ein wenig der Idee widerspricht. Eben weil es so fingerfreundlich im Verzehr ist, erlaubt uns das Sandwich, wirklich überall zu essen, wo wir wollen oder gerade sind. Im Garten hinterm Haus, auf der Lichtung beim Waldspaziergang, am Strand, am Steg eines Sees oder am Berg mit Blick über das ganze Land – das Sandwich ist dabei und schmeckt gleich doppelt so gut.

Neues Leben, neue Kombinationen

Ein Sandwich haucht allem, was man in es hineinpackt, wie durch ein Wunder neues Leben ein und macht aus seinen Zutaten – Fleisch, Fisch, Gemüse, Käse, Senf, Mayonnaise, Salat, was immer, sogar Obst – im Idealfall viel mehr als die Summe seiner Teile. Ganz abgesehen davon erlaubt es uns, Dinge zu kombinieren, die sonst nur selten zusammenfinden: Probieren Sie unbedingt mal ein Grilled Cheese mit Sauerkraut! Entsprechend unüberschaubar ist die Liste großartiger Sandwiches rund um den Globus: Hamburger und Schnitzelsemmel kennen wir alle, das vergleichsweise noble Steak-Sandwich ist schon etwas exotischer – obwohl es sich dabei, siehe oben, eigentlich auch nur um Resteverwertung vom Sonntagsessen handelt.

Manches, wie das (im Gegensatz zum Hamburger) in Hamburg tatsächlich klassische Fischbrötchen, existiert unter demselben Namen in zwei völlig gegensätzlichen Darreichungen: einerseits mit Backfisch und Sauce tartare, andererseits aber auch mit in Essig gesäuertem Bismarckhering mit Zwiebel. Gut sind sie beide – wenn die Zutaten stimmen. Von da ist es nur geografisch kein weiter Weg bis zum dänischen Smørrebrød. Tatsächlich aber versteht sich dieses ganz zu Recht als elaboriertes Gericht, oft mit aufsehenerregend opulenter Belegung und folgerichtig nur mit Messer und Gabel zu genießen – während sein deutsches Pendant nichts weiter als eine simple Stulle darstellt, einem schnell und zwischendurch verdrückten Semmerl viel näher als dem geselligen dänischen Festmahl.

Das Fischsandwich der Türken ist Balik Ekmek mit über Holzkohle gegrilltem Fisch und knackigem Gemüse, jenes der New Yorker der klassische Lox Bagel mit Räucherlachs, Kapern, Zwiebel und Cream Cheese. Weil wir beim Käse sind: Das britische Grilled Cheese, ein Sauerteigsandwich mit viel geriebenem Qualitätskäse zwischen den Brotscheiben, im Kontaktgriller zu fettgleißend Fäden ziehender Unvernunft perfektioniert, räumt mit der Mär auf, dass die Briten nicht wüssten, was wirklich gut ist.

Die französische Café-Ikone Croque Monsieur – nur echt mit nicht geräuchertem Kochschinken, Käse und gratinierter Béchamelsauce obenauf, ist in Wahrheit schon eine vollwertige Mahlzeit, während das Croque Monsieur der Venezianer, ein in Olivenöl gebratener Schinken-Käse-Toast mit einer Idee Dijonsenf in der Fülle, nur halb so groß und auch sonst viel leichtfüßiger erscheint.

Von BLT bis Toast Hawaii

Fast als gesund lässt sich auch der US-Klassiker BLT beschreiben: Bacon, Lettuce, Tomato – knuspriger Speck, knackiger Salat und eine Tomatenscheibe, mittels Mayonnaise zur ewig gültigen Einheit verbunden. Bleiben wir gleich beim Gemüse: Das frugalköstliche Cucumber Sandwich englischer Garden Parties (nur Gurke und viel Butter zwischen superweichem, entrindetem Toastbrot) ist pure Eleganz, aristokratisches Understatement und schmeckt nur, wenn die wenigen Zutaten wirklich Topqualität haben.

Gilt natürlich auch für die legendären Tramezzini italienischer Caffè-Bars. Ein bisserl eine glorreiche Verirrung muss aber auch sein, schließlich kann und darf Sandwich alles. Also: Toast Hawaii! Oder, damit es richtig weh tut, lieber gleich Elvis Presleys Leibgericht aus gebratener Banane, Speck, Traubengelee und Erdnussbutter zwischen zwei Toastscheiben: Die Möglichkeiten, köstliche Gemeinheiten zwischen zwei Brotscheiben zu packen und damit nachhaltig glücklich zu werden, sind endlos.

Die Einzigen, denen es einfällt, so etwas wie ein Patent auf das Sandwich zu beanspruchen, sind die Engländer. Sie werden nicht müde, zu betonen, dass das gefüllte Brötchen auf John Montagu, vierten Earl of Sandwich, zurückgehen soll, der angeblich als erster Mensch im 18. Jahrhundert auf die Idee kam, kaltes Fleisch zwischen zwei Brotscheiben zu legen – knappe 10.000 Jahre nach Beginn der Backgeschichte.

Das kann nur stimmen, wenn man von einer sehr engen Sandwich-Definition (Pökelfleisch zwischen zwei Scheiben Brot) ausgeht – oder der fixen Weltsicht nachhängt, dass man leicht exzentrisch und Mitglied des englischen Hochadels sein muss, um als Erfinder einer Selbstverständlichkeit in die Weltgeschichte einzugehen. Eines muss man Lord Sandwich freilich lassen: Er hat es verstanden, dem belegten Brot seinen Namen aufzudrücken – und zwar weltweit.

Dabei soll bereits der jüdische Weise Hillel der Ältere laut dem Talmud schon vor mehr als 2.000 Jahren Lammfleisch und „bittere Kräuter“ zwischen zwei Matzen gepackt und gegessen haben – er hatte Lord Sandwich damit auch geschmacklich einiges voraus. Juden essen bis heute zu Pessach ein Koresh oder, wie es auch genannt wird, Hillel-Sandwich.

Im Gegensatz zum Earl war das bei Weitem nicht die einzige nachhaltige kulturelle Leistung des Mannes. Hillel soll auch als erster westlicher Philosoph die vielleicht berühmteste Regel der Ethik formuliert haben: „Was dir nicht lieb ist, das tu auch deinem Nächsten nicht.“ Im Umkehrschluss heißt das: Tu für andere, was du dir selbst für dich wünschst. Oder anders formuliert: Wer gerne selbst Sandwiches isst, der sollte auch seinen Liebsten welche machen. In diesem Sinne: Worauf warten Sie also noch?