Von Japan bis Südfrankreich, von New York bis Hanoi: Sag mir, welches Sandwich du isst, und ich sage dir, wer du bist. Die Idee des belegten Brots ist global erfolgreich – die Interpretationen aber sind so vielfältig wie die Welt selbst.
ILLUSTRATIONEN CARINA LINDMEIER

Döner
ist angeblich eine deutsche Erfindung – und doch ein prächtiges Zeugnis der großartigen gastronomischen Kultur der Türkei: Im Original wird knusprig gegrilltes Rindfleisch mit Schafmilchjoghurt und diversem Salat in ein hauchdünnes Fladenbrot, Dürüm genannt, geschlichtet. Im Idealfall ist ein Dönerstand, wie eine Pizzeria, der Beweis dafür, dass Restaurants dann am allerbesten sind, wenn sie nur ein Gericht servieren – das dafür in Perfektion. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Döner, wie auch Pizza, sehr oft nicht sehr gut schmeckt.
Pan bagnat
ist das Sandwich des provenzalischen Südens, quasi eine Salade niçoise im Brot – und der ideale Proviant für ein sommerliches Picknick am See: ein Fladenbrot vom Typ Lepinja oder auch ein Wachauer aushöhlen und dünn mit Dijonsenf ausstreichen. Für die Füllung diverses sommerliches Gemüse wie Radieschen, Stangenzeller,Saubohnen, Rucola, Tomaten und Jungzwiebeln in feine Streifen schneiden und mit Thunfisch aus der Dose, Sardellenfilets sowie einem hart gekochten Ei vermengen und abschmecken. Damit die Sandwiches befüllen und in Butterbrotpapier packen. Wird durch vorheriges Marinieren (zum Beispiel auf dem Weg ins Bad!) nur noch besser.


Tramezzini
sind die italienische Form des englischen Sandwiches mit speziell flauschigem, sorgfältig entrindetem Toastbrot, mit Mayonnaise für Extrasaftigkeit und mit besonders großzügiger Fülle. Die wird, damit man sich auch ja nicht die feine Garderobe anpatzt, ausschließlich in der Mitte platziert, sodass bei höchster Großzügigkeit dennoch nichts herausquellen kann. Klassisch sind Füllungen mit Eiersalat, mit Kochschinken (ungeräuchert!), mit Thunfisch oder Mozzarella und Tomate. Überaus elegant zum Aperitivo, aber durchaus auch zum Frühstück „al banco“ mit frisch gepresstem Orangensaft oder Espresso ein Gedicht. Ach, Italien!
Japanisches Fruchtsando
Sando ist die Kurzform von „sandoitchi“ oder das, was dabei herauskommt, wenn man Sandwich mit japanischem Akzent ausspricht. Zwar kam Brot
erstmals im 16. Jahrhundert mit den Portugiesen nach Japan, so richtig durchsetzen konnte es sich aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg während
der amerikanischen Besatzung. Wie so viele andere einst ausländische Speisen – Steaks, Curry, Ramen – kopierten die Japaner das Sandwich nicht bloß, sondern drückten ihm nachhaltig ihren Stempel auf. Heute steht in jeder japanischen U-Bahn-Station ein Sando-Automat, und Frucht-Sandos gehören zu den beliebtesten Varianten. Früchte, oft Erdbeeren, Kiwis und Mangos, werden mit einer Mischung aus Schlagobers und Mascarpone zwischen zwei superweiche japanische Toastbrotscheiben gepackt. Das schaut umwerfend gut aus und schmeckt überraschenderweise auch so.


Cheeseburger
ist als amerikanische Idee des Sandwiches, wie es sich gehört, ein klein bisschen vulgär: Hauptsache, viel Fleisch, mit ordentlich Fett und kraftvoll gegrillt, darauf Schmelzkäse und Salzgurken, Zwiebel und Ketchup, Senf oder Mayonnaise. Alles andere, ob Speck, Tomate oder sonst etwas, ist fakultatives Beiwerk. Dem Bun kommt im Wesentlichen nur die Pflicht zu, als Klammer und Griffschutz für die dazwischen liegende Herrlichkeit zu dienen, und es sollte sich geschmacklich nicht vordrängen. Burger-Experten erwarten sich deshalb vom Brot, dass es, einmal im Mund, „möglichst verschwinde“ und den anderen Zutaten auch konsistenzmäßig den Vortritt lasse.
Bánh mì
ist das, was herauskommt, wenn zwei kulinarisch fortgeschrittene Völker wie das vietnamesische und das französische aufeinandertreffen – was in diesem Fall dem Frontalunfall der Geschichte namens Kolonialismus geschuldet ist. Jedenfalls: ein grandioses Sandwich mit dem Besten beider Welten. Die Franzosen brachten einerseits das Baguette nach Südostasien, andererseits die Pâté de campagne, eine Art grober Leberpastete. Die Vietnamesen interpretierten damit ein Sandwich nach ihrer Fasson – und das ist deutlich größer als die Summe seiner Teile: federleichtes (weil auch mit Reismehl gebackenes), knuspriges Baguette, Leberpastete, dazu gebratenes Schweinefleisch, exotische Kräuter, Gemüse und, natürlich, ein bisserl Chili und Fischsauce für den speziellen Kick.
