Griffig & Glatt

Quo vadis? im Feierabend

Lebensmittelunverträglichkeiten - Forschung & Wissen 
Im Gespräch mit Frau Assoz. Prof. PD DDr. Eva Untersmayr- Elsenhuber

Wir haben uns im Ströck Feierabend zu einem interessanten Gespräch mit Frau Prof. Untersmayr-Elsenhuber getroffen und uns über das schier unendliche Thema der Nahrungsmittelunverträglichkeiten unterhalten. Ein gutes Feierabendthema
Frau Prof. Untersmayr-Elsenhuber, wie sind Sie gerade auf dieses Spezialgebiet in der Medizin gestoßen? War eine persönliche Betroffenheit der Auslöser?

Nein, glücklicherweise gar nicht. Bereits während des Medizinstudiums hat sich bei mir ein großes Interesse für das Immunsystem und im Besonderen für Allergieerkrankungen herauskristallisiert. Der Darm, als wichtiger Teil des Immunsystems, hat mich immer schon sehr interessiert und fasziniert, so hat sich meine Spezialisierung darauf entwickelt. 80 Prozent aller Immunzellen befinden sich in unserem Darm. Das macht den Darm zu einem enorm wichtigen Teil unseres Immunsystems. Dieses Organ ist für seine vielfältigen Aufgaben wunderbar ausgestattet.

Im Darm findet die Nahrungsaufnahme statt, das heißt, unser Körper wird mit Energie und Nährstoffen versorgt, es werden Hormone hergestellt und eine Vielzahl von Nervenzellen bilden ein komplexes Geflecht, weswegen man umgangssprachlich auch vom „Darmhirn“ spricht. Zusätzlich ist der Verdauungstrakt die Heimat einer unglaublich großen Anzahl von Bakterienarten. Die Mikroorganismen in uns, also Bakterien, Pilze, Einzeller, bringen beim Erwachsenen über ein Kilogramm auf die Waage. Die große Anzahl der verschiedenen Arten macht die Erforschung auch so komplex.

Im Zusammenhang mit Nahrungsmittelallergien, was mich natürlich besonders interessiert, hat man mittlerweile herausgefunden, dass bei Personen mit Allergien die Bakterienzusammensetzung im Darm anders ist, als bei nicht betroffenen Personen.

Wie erkenne ich den Unterschied zwischen einer Nahrungsmittelallergie, einer -intoleranz oder einer -sensitivität und was heißt das jeweils für einen Betroffenen?

Allergie oder Intoleranz – oft werden diese in einen Topf geworfen und man gewinnt den Eindruck, dass die Begriffe in der Öffentlichkeit durcheinandergeraten. Bei der großen Gruppe der Nahrungsmittel- unverträglichkeiten unterscheidet man zwischen Nahrungsmittelallergien, dabei ist das Immunsystem der Hauptauslöser, sowie Intoleranzen, in manchen Fällen auch Sensitivität genannt. Eine Nahrungsmittelallergie können wir sehr gut anhand von Krankengeschichte, Hauttests und nachgewiesenen Antikörpern diagnostizieren.

Warum rund vier Prozent der Menschen allergisch auf gewisse Lebensmittel reagieren, können wir auch heute noch nicht gesichert sagen. Die Erforschung des Immunsystems ist in steter Weiterentwicklung. Wir sind auf dem Weg, die Ursachen zu verstehen, jedoch noch lange nicht am Ziel. Wenn Nahrungsmittel nicht vertragen werden und vermutet wird, dass eine Allergie dafür verantwortlich sein könnte, muss das unbedingt medizinisch abgeklärt werden. Eine allergische Reaktion auf ein bestimmtes Lebensmittel kann potenziell lebensbedrohlich sein. Sollte also eine Nahrungsmittelallergie diagnostiziert werden, muss das auslösende Lebensmittel vermieden werden.

Derzeit gibt es leider noch keine Alternativen dazu, da keine ursächlichen Therapien bei Nahrungsmittelallergien verfügbar sind. Der Patient darf, wenn er oder sie hochallergisch ist, auch kein Nahrungsmittel zu sich nehmen, in dem Spuren des Auslösers enthalten sind. Bei einer Intoleranz kann man sagen: Die Dosis macht das Gift. Je mehr man von den auslösenden Nahrungsbestandteilen zu sich nimmt, umso eher kommt es zu einer Reaktion des Körpers darauf. Ein gutes Beispiel ist die Laktoseintoleranz. Die meisten betroffenen Personen, außer bei sehr schwerer Laktoseintoleranz, können Milch und Milchprodukte in kleinen Mengen – also Laktose in geringer Dosis – konsumieren. Genetisch ist ja auch interessant, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung Asiens, Lateinamerikas und Afrikas eine Laktoseintoleranz haben.

Da muss ich schon sagen, dass die Europäer und die europäischstämmigen Nordamerikaner (Kaukasier) die Ausnahmen sind. Das bedeutet, wenn wir Laktose auch im Erwachsenenalter vertragen, stellen wir – die gesamte Weltbevölkerung betrachtet – die Ausnahme und nicht den Normalfall dar. Das Behalten der Laktase bis ins Erwachsenenalter hat sich erst mit der Milchwirtschaft entwickelt. Wir verteufeln manche Lebensmittel, im Besonderen Weizen.

Glauben Sie, das geschieht zu Recht, oder ist das ein in den Medien verstärkter Hype?

Natürlich wird ein Hype erzeugt, wenn in den Medien immer wieder berichtet wird, dass Weizen schlecht für die Gesundheit ist. Viele Patienten vermeiden, oft nicht gerechtfertigt, ein Lebensmittel, das in unseren Breiten ein wichtiges Grundnahrungsmittel ist. Man weiß heute, dass es eine klinisch relevante Sensitivität gegen Weizen, der, wie andere Getreidesorten auch, das Klebereiweiß Gluten enthält, gibt. Wir können derzeit jedoch nicht gesichert sagen, gegen welchen Bestandteil genau die Patienten reagieren. Es gibt bis heute also keinen absolut verlässlichen Biomarker für Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität. Daher erfolgt die Diagnose nach dem Ausschlussverfahren.

Studien zufolge ist es bei rund 25 Prozent der Patienten mit Reizdarmbeschwerden hilfreich, wenn sie auf Weizen verzichten. Eine Glutensensitivität darf jedoch nicht mit dem genau definierten Krankheitsbild der Zöliakie verwechselt werden, bei dem das Immunsystem gegen aufgenommenes Gluten vorgeht und das durch Antikörper und Darmbiopsien nachweisbar ist. Bei Verdacht ist es daher sehr wichtig, durch Ärzte abklären zu lassen, ob und, wenn ja, welche Erkrankung vorliegt.

Wo steht die medizinische Forschung heute hinsichtlich Weizenunverträglichkeit bzw. Weizensensitivität?

Bei einer Weizenallergie wurde die Diagnostik in den letzten Jahren stark verbessert. Man kann heute durch die Testung auf einzelne Allergene ganz genau sagen, ob die zu erwartende Reaktion eine schwere ist oder nicht. Dadurch kann man gerade bei der Weizenallergie die Patienten viel besser beraten. Die Glutenintoleranz bzw. Weizensensitivität, die Ausdrücke werden oft synonym verwendet, ist ein nicht allergisches Beschwerdebild, das möglicherweise durch Gluten bedingt ist.

Aber auch Amylase-Trypsin-Inhibitoren, kurz ATIs, Proteine, die in modernen Weizenzüchtungen vermehrt vorkommen, stehen im Verdacht, für die Glutensensitivität verantwortlich zu sein. ATIs wurden vermehrt in den Weizen gezüchtet, um den Weizen resistenter gegen Schädlinge zu machen. Eine Forschergruppe in Deutschland hat beschrieben, dass bei Glutensensitivität das menschliche Immunsystem eben diesen Bestandteil erkennt. Auch andere Stoffe, die im Weizen vorkommen, könnten für die Beschwerden verantwortlich sein. Hierzu gehören die sogenannten FODMAPs, das ist eine Gruppe von Kohlehydraten und Alkoholen (fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole) wie Fruktose, Laktose und Fruktane.

Es werden heute vermehrt Intoleranzen bzw. Sensitivitäten diagnostiziert. Das ist jedoch nicht gleichbedeutend damit, dass mehr Menschen darunter leiden, sondern man weiß heute mehr über diese Beschwerden und es gibt bessere Möglichkeiten zur Diagnose.

Wenn man keine Beschwerden hat, ist es jedoch nicht sinnvoll, auf das Lebensmittel Weizen zu verzichten. Bei wiederkehrenden Beschwerden und vor allem wenn man an eine Zöliakie denkt, sollte man vor dem Arztbesuch glutenhaltige Nahrungsmittel nicht vermeiden. Man nimmt damit praktisch die Therapie vorweg, bevor überhaupt die Diagnose erbracht ist, und der Arzt hat keine Möglichkeit mehr, die Erkrankung entsprechend zu diagnostizieren. Durch die Dichte der Berichterstattung entsteht das Gefühl, dass es immer mehr Personen mit Unverträglichkeiten gibt.

Stimmt das oder haben sich nur die diagnostischen Möglichkeiten erhöht?

Beides. Aufgrund des Wissensfortschritts dank der Forschung haben wir viel bessere Möglichkeiten, Nahrungsmittelallergien zu erkennen, und ja, die Anzahl der Betroffenen ist größer geworden. Durch sogenannte Kohortenstudien kann man das gut belegen. Die Neigung, eine Allergie zu entwickeln, ist zum einen genetisch vorgegeben, zum anderen wirken sich auch unser Lebensstil und Umweltfaktoren aus. Wir wissen, dass zum Beispiel Bäume auf Umweltverschmutzung, die eine Belastung für Bäume darstellt, mit der vermehrten Produktion von Pollenallergenen reagieren.

Und überdies wissen wir, dass Dieselpartikel unser Immunsystem in Richtung Allergien treiben. Ein Zuviel an Hygiene spielt auch eine Rolle. Unser Immunsystem muss eine Chance haben, sich mit verschiedensten Krankheitserregern auseinanderzusetzen. Zusätzlich wird das Immunsystem durch im Kindesalter durchgemachte banale Infekte trainiert.

Außerdem wirkt unsere Nahrung ganz entscheidend auf unseren Körper, unsere Verdauungsorgane und unser Immunsystem. Wir sollten darauf achten, nicht hauptsächlich vorgefertigte Lebensmittel mit vielen Zusatzstoffen und Konservierungsstoffen auf unseren Tellern landen zu lassen. Falsche Ernährung kann eine Dysbalance in Nährstoff- und Vitaminversorgung auslösen und somit auch das Immunsystem beeinflussen.

Kann man einen Unterschied bei der Entwicklung von Allergien zwischen Stadt- und Landbevölkerung feststellen?

Es gibt sehr spannende Studien, die in Bayern durchgeführt wurden und die den sogenannten Bauernhofeffekt zeigen. Man hat festgestellt, dass Kinder, die auf einem Bauernhof mit Stall aufwachsen, wesentlich seltener eine Allergie entwickeln. Im Tierstall kommen die Kinder frühzeitig mit Bakterien und Erregern in Kontakt und das Immunsystem wird dadurch von Beginn an trainiert. Positiv war in diesen Studien, wenn bereits die Mutter in der Schwangerschaft mit der Stallumgebung in Kontakt war.

Gibt es bei den Betroffenen von Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten einen geschlechtsspezifischen Unterschied?

Bei Allergien weiß man, dass die Geschlechtshormone eine ganz wichtige Rolle spielen, und man weiß, dass Geschlechtshormone Immunzellen aktivieren. Der weibliche Hormonzyklus wirkt sich ebenso stark auf Allergien aus. Frauen holen nach der Pubertät in Bezug auf Allergien leider auf, eben aufgrund des steigenden Östrogenspiegels. Auch in der Zeit des Wechsels kommt es wieder zu einer Umstellung. Aber auch hier gilt, wir wissen noch zu wenig, um die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Entwicklung von Allergien im Detail zu erklären.

Es wird daher an diesem Thema noch intensiv geforscht. In dieser Ausgabe kommt Nathan Myhrvold zu Wort, der sich im Moment mit wissenschaftlicher Akribie dem Brotbacken widmet, und er bedauert ausdrücklich den amerikanischen Trend, Getreide und im Besonderen Weizen als den Feind schlechthin darzustellen.

Können Sie diesen Trend auch bei uns beobachten?

Es gibt wie bereits erwähnt Personengruppen, die Weizen und andere Getreideprodukte, die Gluten enthalten, nicht essen dürfen, nämlich dann, wenn eine Zöliakie besteht, wenn eine Weizenallergie diagnostiziert wurde. Ich halte es jedoch wissenschaftlich nicht für sinnvoll, wenn die breite Bevölkerung generell auf Getreideprodukte verzichtet. Man weiß, dass weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung an einer Weizenallergie leidet und rund ein Prozent der Mitteleuropäer von Zöliakie betroffen ist.

Bei der Glutensensitivität gehen die Meinungen der Forschungsgruppen auseinander. Zwischen sechs und zehn Prozent der Bevölkerung dürften an diesen Beschwerden leiden. Bei Reizdarmpatienten weiß man, dass rund 25 Prozent von einer Glutensensitivität betroffen sind. Meiner Meinung nach spielt Brot als Nahrungsmittel in der österreichischen Gesellschaft eine wichtige Rolle und das Bäckerhandwerk hat einen hohen Stellenwert. Ich sehe diesen Trend hier bei uns eigentlich nicht.

Nathan Myhrvold erkennt keinen Vorteil in Vollkornprodukten. Sehen Sie das auch so?

Nein, das sehe ich so nicht. Vollkornprodukte enthalten für den Darm bedeutende Fasern, sie sind ganz entscheidende Nährstoffe für die Darmflora, um die Vielfalt an guten Bakterien im Darm zu erhalten und zu fördern. Natürlich ist nicht nur Vollkorn, sondern auch andere Pflanzeninhaltsstoffe wie beispielsweise Stärke, zum Beispiel in Kartoffeln, für die Darmgesundheit ausschlaggebend. Wir können mit einer entsprechenden Ernährung unserem Darm und damit dem Immunsystem helfen und schon vorhandene Dysbalancen wieder ausgleichen. Ein besonderes Anliegen ist mir, aufzuzeigen, wie wichtig unsere Ernährung für unsere Darmgesundheit und damit unser Immunsystem und letztendlich unser Wohlbefinden ist. Je tiefer wir in der Forschung in die Materie eindringen, desto deutlicher wird dieser Zusammenhang.

* Fachärztin für Immunologie und Assoziierte Professorin am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Medizinischen Universität Wien. 2012 schloss sie nach der Facharztausbildung ihr berufsbegleitend durchgeführtes Doktoratsstudium der Naturwissenschaften an der Universität Salzburg ab und promovierte zusätzlich zum Dr. rer. nat. Prof. Untersmayr-Elsenhuber hat zahlreiche Preise für ihre Arbeit auf dem Gebiet der Nahrungsmittelallergien erhalten, z.B den Pirquet-Preis (der wichtigste Preis im Bereich der Allergieforschung der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie), den Theodor-Billroth-Preis der Ärztekammer für Wien sowie den Wiener Wirtschaftskammerpreis 2014.

Seit 2005 leitet sie zahlreiche, kompetitiv eingeworbene Forschungsprojekte zum Thema Nahrungsmittelallergie, gastrointestinale Immunologie und Onkologie. Sie ist Mitglied in nationalen und internationalen Gremien wie den Österreichischen und Europäischen Gesellschaften für Allergologie und Immunologie und dem Collegium Internationale Allergologicum.

Text: Marianne Götzinger Fotografie: Lukas Lorenz