Griffig & Glatt

Meister der alten Schule

In Wien wurden und werden fantastische Geigen gebaut und repariert. Wir haben eine Meisterin der alten Schule besucht.

Im sechsten Bezirk in Wien, in der Mollardgasse, befindet sich der Werkstättenhof: ein Gebäude mit wenig Schmuck und Verzierungen, ein Relikt aus einer Zeit, in der die Industrialisierung längst Eingang in unsere Gesellschaft gefunden hat. Riesige eisenumfasste Fenster und eine Fassade aus Backstein erinnern an das ausgehende 19. Jahrhundert und die tragende Rolle der mechanisierten Fertigung.

Das Haus wurde im Jahr 1908 für Kleingewerbetreibende mit anschließendem Wohntrakt entworfen. In diesem schlichten Gebäude findet sich die Geigenbaumeisterin Gerlinde Reutterer. Ein fester, warmer Händedruck und ein sympathisches Lächeln führen uns in den Raum. Wenn man die kleine Werkstatt betritt, hört man klassische Musik im Hintergrund klingen und der kleine Ofen, der mit Holz befeuert wird, wärmt den Raum.

Überall hängen Geigen und Werkzeuge, die zum Bau des filigranen Instruments benötigt werden. Die Violinen stehen im starken Kontrast zum Gebäude. Kleine Meisterstücke, die in mühevoller Handarbeit aus dem Holz herausgearbeitet werden und überall detailreiche Dekors aufweisen. Zum Teil, um den unvergleichlichen Klang zu erzeugen, aber auch, um die Kunst des Handwerks hervorzuheben.

Ein Mikrokosmos der Handwerkskunst und der feinen Klänge. Die Geige hat eine lange Geschichte und viele von ihnen tragen einen großen Namen. Die Vorgänger des heutigen Instruments tauchen das erste Mal im 8. Jahrhundert im spanisch-maurischen Raum auf. Die Rebec und die Fidel sind allerdings nicht gleichzusetzen mit der Violine, die wir heute kennen. Die erste urkundliche Erwähnung erfolgte Mitte des 16. Jahrhunderts in Turin, Italien.

Claudia Fritz und ihre Kollegen von der Université Paris bezeichnen die Zeitspanne zwischen 1550 und 1750 als das „goldene Zeitalter des Geigenbaus“ (Fritz et al. 10.1073/pnas.1114999109). Viele der bis heute berühmtesten Geigenbauer lebten zu eben dieser Zeit, unter anderem Antonio Stradivari und Giuseppe Guarneri „del Gesu“. Die Instrumente dieser alten Meister sind allerdings für die meisten Musiker und Musikinteressierten nicht im Entferntesten leistbar.

Schätzungen der angesehensten Auktionshäuser und Verkäufe belaufen sich zum Teil auf 40 Millionen Euro und mehr. Man muss aber nicht den alten Meistern verhaftet bleiben, denn in Wien hat das Handwerk des Geigenbaus wieder Konjunktur oder besser gesagt immer noch. Dabei hat Wien den Vorteil, als eines der Zentren der klassischen Musik anerkannt zu sein, und Musiker geben sich bei Restauratoren und Instrumentenbauern die Klinke in die Hand. Gerlinde Reutterer steht vor einer ihrer Werkbänke und fängt an, zu erzählen: „Ich habe sehr oft mit Reparaturen und dem Restaurieren von Instrumenten zu tun.

Manchmal setzen sich Leute auf das Instrument, die Abdeckung des Geigenkastens fällt drauf oder die Katze läuft drüber. Es klingt komisch, aber es sind oft die alltäglichsten kleinen und größeren Unfälle, die eine Reparatur notwendig machen. Ich versuche aber dennoch, zwei bis drei Instrumente pro Jahr nach meinen eigenen Vorstellungen zu bauen. Vorlieben habe ich aber keine. Es sind zwei unterschiedliche Tätigkeiten. Bei einer Reparatur oder Rekonstruktion muss man sich in den Handwerker hineinversetzen, um es stilistisch und handwerklich in seinem Sinne wiederherzustellen.

Man verfolgt dann die Idee des ursprünglichen Erbauers. Bei einem von mir entworfenen Instrument ist es ein stärkerer kreativer Prozess. Bei einer Violine muss man mit circa 170 Stunden rechnen und bei einem Cello sogar noch etwas mehr. Ohne Lackierung allerdings.“ Sie zeigt auf ein altes Cello, das in einem Ständer lehnt. „Das ist das alte Cello einer Kundin, in Wien 1830 gebaut. Sie hat mich gebeten, ein neues anzufertigen, das genau diesem entspricht. Ich habe dann angefangen, die Konstruktionsweise des Instruments nachzuvollziehen, auszumessen und die Bauweise nachzufühlen. Es war ein langer Prozess. Sie hat mir dann das Cello dagelassen, da sie nur noch auf dem neuen spielt. Das war natürlich ein großes Kompliment für mich.“

Die Wahl des Holzes spielt beim Bau von Instrumenten eine große Rolle. Es werden vor allem Bäume verwendet, die in hohen Lagen sehr langsam wachsen und im Winter geschlagen werden, damit möglichst wenig Flüssigkeit im Holz enthalten ist. Eine geringe Temperatur beeinflusst maßgeblich die Dichte des Holzes. Je geringer die Dichte, desto höher die Schallgeschwindigkeit.

Eine Begebenheit, die den Handwerkern „in der goldenen Zeit des Geigenbaus“ sehr entgegengekommen ist, da zu dieser Zeit eine kleine Eiszeit stattfand. Bei Violinen und Celli werden ausschließlich Ahorn und Fichte verwendet. Fichte für die Klangdecke, Ahorn für Boden, Zargen und Wirbelkasten. Die Lagerung und das Alter des Holzes sind ebenfalls essenziell für den Klang.

Jeder Musiker hat seine eigenen Vorstellungen, wie sein Instrument klingen soll. Jedes dieser Handwerksstücke wird mit dem Künstler erarbeitet und eingespielt. Ein Cello, das für einen Streicher stimmig ist, passt für den nächsten überhaupt nicht. Das Bauchgefühl des Spielenden und auch des Handwerkers sind maßgeblich für den Bau. Physik, Mathematik und die modernen Wissenschaften haben je nach Geigenbauer unterschiedliche Gewichtungen, jedoch spielen Emotionen eine gewichtigere Rolle.

Die Instrumente der alten Meister sind nicht, wie landläufig angenommen, außergewöhnlich im Handwerk. „Das Handwerk hat sich in den Jahrhunderten nicht stark verändert. Natürlich gibt es begabtere und nicht so geniale Geigenbauer, der Preis von Instrumenten wird aber nicht nur durch die Fähigkeiten des Erbauers festgelegt. Von Stradivari beispielsweise sind sehr genaue Aufzeichnungen erhalten und man kann die Arbeitsschritte sehr genau nachvollziehen. Es ist gut vergleichbar mit einem Gemälde von Pablo Picasso.

Der Markt bestimmt zu einem sehr großen Teil den Preis. Für mich ist Stradivari, obwohl handwerklich brillant, einfach zu glatt. Es haben auch maschinelle oder halb maschinelle Instrumente ihre Berechtigung, sofern die Qualität stimmt. Wenn ein Beginner anfängt, zu spielen, ist es oft nicht sicher, ob sich die Begeisterung hält. Es geht ja vor allem darum, die Liebe zur Musik zu wecken.“ Bei einer Studie der erwähnten Claudia Fritz an der Université Paris wurden Violinisten unterschiedliche Geigen vorgelegt und befragt, welche sie nach Hause mitnehmen würden.

Das Instrument, das den besten Klang hatte, sollte ausgewählt werden – darunter eine Stradivari und eine Guarneri. Interessanterweise haben sich von den 21 professionellen Geigern 13 für junge Violinen entschieden. Nach der Machart der Geige gefragt antwortete einer der Instrumentalisten: „Ich hoffe, es ist eine (alte) italienische.“ Es ist also nicht immer der Klang, sondern auch die Geschichte und die Symbiose zwischen Geige und Musiker. Gerlinde Reutterer steht im Licht, das durch die Eisenfenster fällt, und das Feuer für und die Liebe zum Handwerk sind spürbar. Ein kurzer Blick durch die Werkstatt verrät die Hingabe, die man zu diesem Handwerk hegen muss, um es auszuführen.

Es sind schätzungsweise 50 unterschiedliche Werkzeuge, die an den Wänden hängen, und da sind die Gerätschaften in den Schubladen noch nicht miteinberechnet. Jedes Werkzeug hat seine Aufgabe, seine Bestimmung. Mittlerweile hat Gerlinde Reutterer eine Geige aus einer Vitrine geholt. „Das ist eine meiner Lieblingsgeigen.“ Es ist eine augenscheinlich alte Violine aus dem Jahr 1677 und „die ist nicht verkäuflich. Das ist unsere!“, sagt sie noch dazu. Dann erzählt die viel gereiste Handwerkerin noch von einem Projekt, das ihr sehr am Herzen liegt. Sie unterstützt in Villarica, Chile, die Escuela de Música Papageno, die vom österreichischen Opernstar Christian Boesch gegründet wurde.

Die Schule wendet sich an sozial bedürftige Kinder und lässt ihnen kostenlosen Musikunterricht zukommen. Die Einrichtung wird ausschließlich von privaten Sponsoren unterstützt und Gerlinde Reutterer ist gerade dabei, eine Geigenbauwerkstatt aufzubauen. Es wurde dort übrigens auch schon eine erste Geige hergestellt: „Eine wilde Geige aus Hölzern der Region und Europa. Sehr dunkel, vermischt mit den hellen Hölzern von uns.“ Wenn wir diese Mischung aus Alt und Neu, unterschiedlichen Kulturen und Sprachen weiter pflegen und die Leidenschaft für den Beruf so ansteckend ist wie bei Gerlinde Reutterer, dann müssen wir uns keine Gedanken um die Zukunft des feinen Klangs machen.

Text: Lukas Götzinger | Fotos: Lukas Lorenz