Griffig & Glatt

Korn & Herz

Ich kann mich noch gut erinnern, als im Dorf meiner Großeltern der erste Discounter eröffnet wurde. Schon Wochen bevor der Bürgermeister das rote Band durchschnitt, flatterten Angebotsprospekte in alle Haushalte. Meine Großmutter, die Sparen als einen Sport ansah, dessen Ausübung ihr einen besonderen Adrenalinkick verschaffte, bearbeitete das Prospekt tagelang mit einem Textmarker.

Ich war damals ein Volksschulkind und lernte, wie sehr Menschen plötzlich glauben, Dinge zu brauchen, die sie vorher nicht einmal gekannt hatten, nur weil diese im Sonderangebot sind. Als der Discounter dann endlich seine Türen öffnete, standen die alten Damen mit den Einkaufswägen bereits in Position wie die Formel-1-Rennfahrer beim Grand Prix. Auch meine Oma brachte sich in Startaufstellung, während mein Opa mit mir an der Hand abseits wartete. Erst als die Meute verschwunden war, gingen wir hinein. Wir kamen jedoch nicht weit, denn gleich nach dem Eingang links befand sich das Brotregal. Mein Großvater blickte auf die Metallkörbe, zog mit den Fingerspitzen ein Plastiksackerl mit zehn Semmerln zum Preis von ein paar Schilling heraus, begutachtete die Backware und warf das Sackerl zurück in den Metallkorb. Dann drehte er sich um und ging hinaus. „Des Klumpert hot do seinen Lebtag nu kan Bäcker g’sehen!“, schimpfte er und murmelte Flüche in seinen Stoppelbart. Wir warteten im Auto, bis eine völlig verschwitzte Oma zurückkam, die aussah, als hätte sie soeben das letzte Gefecht überlebt. Mein Großvater empfing sie mit den grummeligen Worten: „I hoff, du hast ka Brot kauft!“ Und meine Oma, wie immer, wenn sie wusste, dass sie etwas falsch gemacht hatte, begann, mit der Oberlippe zu zittern. „Halleluja!“, seufzte mein Großvater, startete das Auto und trug meiner Oma auf, demnächst mal in die Stadt zu fahren, um Tauben zu füttern. So übertrieben diese Reaktion klingen mag, so steckt in ihr ein durchaus nachvollziehbarer Kern: In einer Welt der maschinengebackenen Discountersemmerln hätte es nämlich weder mich noch meinen Bruder noch meine Mutter noch meinen Onkel je gegeben. Denn das gute alte Bäckerbrot hatte einst meine Großmutter und meinen Großvater zusammengebracht. Man sagt, Brot schenkt Leben. Im Falle meiner Familie kann man das wortwörtlich nehmen.

Als meine Großeltern Kinder waren, in den letzten Kriegsjahren und der harten Zeit danach, war Brot ein mehr als rares Gut. Meine Großmutter wuchs mit zehn Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof im Dunkelsteiner Wald auf, mein Großvater als der Sohn von Ziegelböhm’ unweit der Donau. Keine der beiden Familien konnte je viel ihr Eigen nennen, doch mein Großvater war ein überaus schöner und vor allem kräftiger junger Mann. Schon mit zwölf Jahren war er so groß wie ein Erwachsener und in den Anfängen der Pubertät schon stark wie ein Bär. Man schickte ihn zum Müller, um Geld mit dem Schleppen von Kornsäcken zu verdienen, was meinen Großvater nicht nur noch stärker machte, sondern auch zum Champion aller Hinterzimmer-Ringkämpfe. (Nur einmal wurde er geschlagen – angeblich mit unlauteren Mitteln. Und mein Großvater revanchierte sich, indem er dem Sieger in dessen Mopedtank pinkelte.)

Dass mein Großvater die Arbeit des Müllerknechts nach einer Weile für die des Bäckers eintauschte, geschah auf sehr direktem Weg: Er lieferte eines Tages das Mehl aus, doch der Bäcker war gerade beschäftigt und ließ ihn warten. Mein Großvater beobachtete ihn dabei, mit welcher Ruhe er den Teig bearbeitete, wie geschickt er ihn zog und knetete, während die Handsemmerln am Backblech aufgingen, als hätten sie alle Zeit der Welt. In diesem Moment beschloss er, die grobe Mühlenarbeit an den Nagel zu hängen und beim Bäcker in die Lehre zu gehen. Und dieser sollte staunen, welches Feingefühl in den Fingern dieses großen Burschen steckte, der ihm bei den Ringkämpfen so viel Geld eingebracht hatte. Immerhin hatte der Bäcker immer auf ihn gewettet. Von seinem ersten Ersparten kaufte sich mein Großvater eine Beiwagenmaschine, als Investition sozusagen, um sich zusätzlich zum Backen auch mit dem Ausliefern der Backwaren Geld dazuzuverdienen.

Einmal in der Woche fuhr er all die entlegenen Bauernhöfe und Wirtshäuser ab, lieferte Brot, Semmerln, Weckerln, Laberln und eines Tages entdeckte er auf einem dieser Bauernhöfe ein schüchternes kleines Fräulein. Sie hatte hochtoupiertes dunkelbraunes Haar, einen kecken Überbiss und die schönsten kleinen Füßchen, die mein Großvater je gesehen hatte. Dorthin wanderten seine Augen automatisch, denn beim Ringen, so erklärte er mir später, kommt es immer auf die Füße an. Wer nicht gut steht, der verliert. Mein Großvater brachte diesen kleinen Füßchen jede Woche eine besondere Köstlichkeit mit: Topfengolatschen, Mohnzelte, Powidltascherl. Doch egal wie viele seiner süßen Mitbringsel meine Großmutter verzehrte, irgendwann konnte sie nicht mehr so tun, als stamme ihr immer dicker werdender Bauch von den süßen Zuwendungen meines Großvaters. Irgendwann musste sie meinen Urgroßeltern den wahren Grund beichten, woraufhin mein Urgroßvater die Schrotflinte aus dem Stall holte.

Als mein Großvater das nächste Mal Brot liefern kam, erklärte ihm mein Urgroßvater mit Flinte im Anschlag, dass er, mein Großvater, bald heiraten würde und zur Eisenbahn gehen solle, denn dort verdiene man genug, um eine Familie zu ernähren. Mein Opa wurde also Eisenbahner. Doch jedes Jahr vor Weihnachten vertreibt er meine Oma für einen Tag aus der Küche, um wieder einzutauchen in seine Tage als Bäcker und ein ordentliches, köstliches, schmackhaftes und feines Kletzenbrot zu backen. Und wenn er es am Christtag dann anschneidet, erinnert sich meine Familie daran, weswegen es uns überhaupt gibt. Brot sei Dank. Wenn man so will, verdanke ich also meine Existenz in erster Linie erhitztem Sauerteig. Doch gilt das nicht gar nur für mich und auch nicht nur für meine Verwandtschaft: In Wahrheit geht der Aufstieg der gesamten menschlichen Kultur Hand in Hand mit dem Aufgehen des Teiges im Backofen.

Allein Brot zu backen, sprich die Entdeckung perfektioniert zu haben, aus gemahlenem Getreide, Wasser und Hefepilzen durch Zufuhr von Hitze ein haltbares Grundnahrungsmittel herstellen zu können, ist keine bloße Kulturleistung, sondern eine Hochkulturleistung. Im täglichen Leben vergessen wir das oft. Ein schnell beschmiertes Brot bietet immer noch die einfachste Möglichkeit, rasch und unkompliziert satt zu werden. Wer denkt schon beim Verzehr eines Käsebrots auf dem Weg zur U-Bahn daran, welch enorme Leistung Zivilisationen vor uns erbrachten, damit wir mit fünf Bissen unseren Hunger stillen können? Doch wer innehält, entdeckt unzählige Bräuche, in denen der Bedeutung von Brot Rechenschaft gezollt wird. So ist es weitverbreitet, einem jungen Paar zur Hochzeit oder zur neuen Wohnung Brot und Salz zu schenken – auf dass sie Wohlstand und Glück erfahren. Im Vaterunser beten die Christen als vierte Bitte „Unser täglich Brot gib uns heute“. Und nicht Geld vermochte Jesus wundersam zu vermehren, sondern Brot. Juvenal prägte den Ausdruck „Brot und Spiele“ als geflügeltes Wort für die Dinge, mit denen man ein Volk selbst in politisch harten Zeiten ruhig halten kann. In der Russischen Revolution forderten die Bolschewiki „Frieden, Land und Brot“ und heute bezeichnet man die zwar alltäglichen, aber ungemein wichtigen Themen der Tagespolitik als „Brot-und-Butter-Themen“.

In unserer Zeit, in der alles sofort, überall und zu einem niedrigen Preis verfügbar sein muss, wird nicht nur oft vergessen, welche Bedeutung bestimmte Errungenschaften für die Menschheit haben, sondern auch, was sie in ihrem Wesen eigentlich sind. Auf die Frage, woraus Brot hergestellt wird, antworteten bei einer Umfrage unter dreizehnjährigen Schülern über 70 Prozent mit „Teig“. Auf die Nachfrage, woraus der Teig bestünde, antworteten nur 18 Prozent mit „Getreide“. Der Großteil war sich da nicht mehr so sicher. Und – hier musste ich an meinen Großvater denken – erschreckend viele Schüler antworteten schlicht, Brot käme aus der Fabrik. Natürlich, der Siegeszug des Brotes als Grundnahrungsmittel liegt mitunter darin, auch in der Masse einfach herstellbar zu sein. Bereits die Römer besaßen Mühlen, von Sklaven- bzw. Ochsenkraft getriebene Rühranlagen und Öfen, die bis zu 36.000 Laib Brot am Tag herstellen konnten.

Doch sollten wir bei aller Liebe zur Automatisierung niemals das Bewusstsein dafür verlieren, wie eng Brot und Leben ursprünglich verknüpft sind. Es freut mich unheimlich, dass ich diese Meinung nicht nur mit meinem Opa teile, sondern mittlerweile mit immer mehr Menschen und vor allem auch Betrieben. Die große Parole, die im Hinblick auf Gemüse und Fleisch schon lange wieder modern geworden ist, erobert nun auch die Welt der Brote: saisonal, regional, biologisch. Natürlich, alles kann man übertreiben. Als ich unlängst im Bioladen an der Fleischtheke wartete, während sich die Dame vor mir in einem elendslangen Sermon erkundigte, was denn das in der Theke liegende, küchenfertige Henderl zu Lebzeiten gegessen hatte, wie viele Stunden pro Tag es im Freien gewesen sei, wie denn übrigens das Wetter in seiner Heimatregion gewesen wäre, ob der Bauer auch regelmäßig den Sozialkontakt dieses Tieres zu den anderen Henderln überwacht habe – denn man wisse ja, dass das Fleisch von asozialen Henderln wegen der Adrenalinproduktion nicht besonders gesund sei –, da wollte ich der Dame wirklich raten, vielleicht besser eine Séance zu starten und den Geist des toten Tieres heraufzubeschwören, statt in einem Bioladen einzukaufen.

Das Gute am Brot ist, dass man sich die Frage sparen kann, ob es ein schönes Leben gehabt hat, bevor man die gezackte lange Messerklinge in seinen Laib rammt. Aber sich zu erinnern, dass Brot Leben schenkt, und sich zu erinnern, dass es ohne die Erfindung des Brotes auch garantiert keine Smartphones, ausziehbare Relax-Massagesessel und Schellack-Nagellack gäbe, ist nicht verkehrt. Ähnlich wie beim Gemüse entdecken wir langsam wieder, wie sortenreich Brot ist, wie anders ein lange gereifter Sauerteig im Vergleich zu einem industriell und viel zu schnell verfertigten Standard-Massenprodukt schmeckt und wie viel gesünder es auch ist, drauf zu achten, was wir da verzehren. Ich bin übrigens Mitglied der Salzmohnflesserl-Appreciation-Society, einer Facebook-Gruppe, in der diese viel zu seltene Brotvariante geschätzt und verehrt wird. Ja, ein bisschen Augenzwinkern mag da dabei sein, aber wer weiß? Vielleicht lernen sich durch die Liebe zu Salzmohnflesserln zwei Mitglieder dieser Gruppe kennen, gehen mal gemeinsam zum Bäcker, werden ein Paar, übernachten im selben Bett, passen nicht auf, sind plötzlich zu dritt … Denn seit Anbeginn der Zeit ist zumindest eines unumstritten: Brot spendet Leben.

Text: Vea Kaiser, 2016