Griffig & Glatt

Das Gesetz des Gütesiegel-Dschungels

Oft beanstandet, doch höchst sinn- und wirkungsvoll: Die Vielfalt an Bio-Gütesiegeln, einschlägigen Labels und Logos hat einen Wettbewerb befördert, von dem Mensch, Tier und Umwelt und nicht zuletzt der mündige Konsument profitieren. 
Text: Thomas Weber, Titelfoto: Bart Zimny

EU-Biofahne

Das grüne EU-Blatt muss auf allen in der Europäischen Union produzierten Bio-Lebensmitteln, die als „Bio“ oder „Organic“ vermarktet werden, abgebildet sein. Darunter werden verpflichtend die Nummer der verantwortlichen Kontrollstelle sowie die Herkunft der Rohstoffe angeführt. Damit bietet das EU-Bio-Logo eine europaweit einheitliche Klarstellung, dass es sich dabei um ein kontrolliertes und zertifiziertes Produkt handelt, das auf den Richtlinien der EU-Bioverordnung basiert. Als Konsument kann man beruhigt zugreifen. Vereinzelt können bis zu maximal 5 % der Zutaten eines Produkts, die innerhalb der EU nicht in Bioqualität verfügbar sind, auch aus konventioneller Landwirtschaft stammen. Häufig kritisiert wird, dass es Produzenten erlaubt ist, ihre landwirtschaftlichen Betriebe „teilzuzertifizieren“. Das heißt: Auf einem Bauernhof kann beispielsweise zertifiziertes Biogemüse angebaut werden, während gleichzeitig konventionell Schweine gemästet werden. Dennoch: Das EU-Bio-Logo definiert einen – guten – Mindeststandard. Zahlreiche Verbands- und Handelsrichtlinien gehen aber unterschiedlich weit darüber hinaus.

AMA Bio-Siegel

Das rot-weiß-rote AMA-Bio-Gütesiegel ist das offizielle staatliche und unabhängige Bio-Gütesiegel und letztlich auch als Appell an die Konsumenten gedacht, wirklich österreichische Produkte bzw. im Zweifelsfall besser Bio zu kaufen. Basis ist auch hier die EU-Bioverordnung, allerdings gibt es seitens der AMA schärfere Vorgaben, um die Qualitätssicherung und die Rückverfolgbarkeit von Bioprodukten zu verbessern. Außerdem bestehen strengere Auflagen, etwa dass 100 % der Rohstoffe biozertifiziert sein müssen. Allein im Bereich „Milch, Käse und Milchprodukte“ wurden im Jahr 2016 an die 330 Artikel mit dem AMA-Bio-Siegel vermarktet. Neben Frischfleisch und Fleischerzeugnissen, Obst und Gemüse, Säften, Bier und Wein in Bioqualität ist das AMA-Bio-Siegel aber etwa auch auf Knabbersaaten (Sojabohnen, Kürbiskernen), Backwaren oder Aufstrichen auf pflanzlicher Basis zu finden. „Theoretisch steht auch exotischen Lebensmitteln das AMA-Bio-Siegel offen, wenn sie die Richtlinien des AMA-Bio-Siegels einhalten“, erklärt Barbara Köcher-Schulz (AMA). Diese führen dann freilich kein rot-weiß-rotes Bio-Siegel, sondern eine Schwarz-Weiß-Variante. Diese ist manchmal etwa auf Kaffee zu finden.

 

Bio Austria

„Wir schauen aufs Ganze“ lautet das Motto des Biobauernverbands Bio-Austria. Dementsprechend gehen die Richtlinien dieses Verbands, dem immerhin mehr als die Hälfte aller österreichischen Biobäuerinnen und Biobauern angehören, über jene der EU und der AMA hinaus. Konsequenterweise ist Mitgliedern eine Teilzertifizierung nicht erlaubt. Alles, was auf dem Hof produziert wird, hat auch wirklich bio zu sein. Fischmehl und Enzyme dürfen nicht verfüttert werden. Außerdem gibt es etwa für Rinder eine Obergrenze beim Kraftfutter: Während es gemäß EU-Bioverordnung erlaubt ist, dass das Futter von Biorindern höchstens zu 50 % aus Getreide und Soja besteht, dürfen es in Bio-Austria-Mitgliedsbetrieben maximal 15 % sein. Die laufend überarbeiteten Richtlinien sehen etwa vor, dass Obst- und Weingärten ganzjährig begrünt sein müssen und dass Nützlinge gezielt gefördert werden. Wichtig zu wissen: Mit dem Kauf von Produkten, auf denen sich ein Bio-Austria-Logo findet, hat man als Konsument die Gewissheit, dass man engagierte bäuerliche Betriebe unterstützt und damit einen Verband, der die Interessen der Biobauern vertritt.

Freilandverband

Selten zu finden, aber besonders für mündige Fleischfresser interessant sowie für jene Zeitgenossen, die sich weder vegetarisch noch vegan ernähren, aber Fleisch und tierische Produkte von höchster Güte essen wollen. Ursprünglich von Tierärzten gegründet liegt hier der Fokus eindeutig auf artgerechter Tierhaltung und der Abkehr von intensiver Tierhaltung. Zuletzt hat sich der Freilandverband neben seiner jährlich abgehaltenen Freilandtagung vor allem mit seiner Konsumenteninformations-Plattform www.bio-wissen.orgverdient gemacht

Demeter

Demeter ist das einzige weltweit verfügbare Logo für Bioprodukte, denn Biobauern, die sich auf die anthroposophischen Lehren Rudolf Steiners und dessen kosmische Kreislauffantasien berufen, gibt es rund um den Globus (in Österreich zählt der Verband aktuell 200 Mitglieder). Wie auch immer man zu den teilweise nicht naturwissenschaftlich erklärbaren Praktiken der biologisch-dynamischen Demeter-Landwirtschaft steht – viele überzeugte Biobauern schwören ebenso darauf wie qualitätsbewusste Konsumenten. Ganzheitlichkeit und Achtsamkeit sind für Demeter-Produzenten oberstes Gebot. Alles, was im Betrieb hergestellt wird, hat biozertifiziert zu sein. Hybridsaatgut ist bei Demeter ebenso tabu wie organische Handelsdünger oder die Enthornung der Rinder. Streng genommen gäbe es auch keine veganen Demeter-Produkte, da es vorgeschrieben ist, dass auf Demeter-Höfen Wiederkäuer oder Pferde gehalten werden. Praktisch werden mittlerweile vereinzelt auch Demeter-Produkte als vegan vermarktet, sofern in diesen keine tierischen Inhaltsstoffe zu finden sind. Jedenfalls ein hoher Biostandard, der nicht zuletzt das Tierwohl berücksichtigt.

Ja! Natürlich!

Die österreichische Handelsmarke der deutschen Rewe-Gruppe hat ganz wesentlich zum Bioboom in Österreich beigetragen und dafür gesorgt, dass Bioprodukte mittlerweile im ganzen Land ganzjährig verfügbar sind. Demzufolge ist das „Ja! Natürlich!“-Logo für nicht wenige Konsumenten das heimische Bio-Gütesiegel. Tatsächlich gehen die Standards von Ja! Natürlich in einigen Bereichen deutlich über die EU-Vorgaben hinaus. Von der traditionellen Anbindehaltung ihrer Rinder etwa mussten sich die durchwegs zu 100 % biologisch wirtschaftenden Bauern, die an Ja! Natürlich liefern, schon lange verabschieden. Auch das Kraftfutter für Rinder ist streng limitiert. Geflügel steht ein reichhaltig strukturierter Auslauf zur Verfügung, Legehennen stammen mittlerweile fast zur Gänze von Aufzuchten, die auch die „Bruderhähne“ am Leben lassen. Nicht zuletzt beim Getreide, Obst und Gemüse oder auch bei der Vermeidung von Verpackungsmaterial setzt die Handelsmarke immer wieder neue Maßstäbe. Zwar wird immer wieder behauptet, Bio im Supermarkt wäre „gar kein richtiges Bio mehr“, doch die Handelsketten haben viel zu verlieren – neben ihrem Image vor allem Geld. Und wenn es eines zu vermeiden gilt, dann teure Rückholaktionen. „Nirgendwo wird so streng und rigoros kontrolliert wie bei den Bio-Eigenmarken der Handelsketten“, weiß Christian Reinhard Vogl vom Institut für ökologischen Landbau (BOKU). „Und nirgendwo geht es so locker und lässig zu wie auf dem Bauermarkt, wo alles eher informell ausgelobt ist und die Konsumenten selten einmal ernsthaft nachfragen und sich sofort mit einfachen Antworten zufriedengeben.“

Zurück zum Ursprung

Mit seiner Bio-Eigenmarke Zurück zum Ursprung bewegt sich Hofer – für einen Discounter durchaus ungewöhnlich – eindeutig im Premiumsegment. Die meisten der rund 400 verschiedenen Bioprodukte, die unter diesem Namen angeboten werden, lassen sich in österreichischen Regionen verorten. Und damit der rechtlich nicht definierte Begriff „Regionalität“ keine leere Worthülse bleibt, lässt sich auf der Website mittels Chargennummer sogar zurückverfolgen, welche Landwirte welche Rohstoffe geliefert haben. Besonders hohe Anforderungen werden bei der Tierhaltung etwa an die Fütterung der Tiere gestellt. Das Biofutter für Kühe und Rinder hat zu 100 % aus Österreich zu kommen, 75 % davon müssen sogar vom eigenen Hof stammen. Soja darf an die Wiederkäuer gar nicht verfüttert werden. Weidehaltung ist verpflichtend. Im Gemüseanbau darf kein Kupfer zum Einsatz kommen und auch einige andere sonst im Biolandbau zugelassenen Spritzmittel sind ausgeschlossen. Beim Obst und Gemüse gibt es bei Zurück zum Ursprung viele Sorten, die auch den strengen Naturrein auf Babyfood-Standard erfüllen. Das heißt: Sie sind besonders rückstandsarm. Dafür ist eine ausgeklügelte Fruchtfolge erforderlich. Pestizide dürfen gar nicht nachweisbar sein. Auf jedem Feldstück finden sowohl vor der Aussaat als auch vor der Ernte Bodenanalysen statt. Verarbeitete Produkte sind prinzipiell frei von E-Nummern und Palmöl.

Natur Pur

Die Bio-Handelsmarke von Spar hat mittlerweile mehr als 750 Produkte im Sortiment. Soweit diese heimischen Ursprungs sind, stammen sie von einem der über 7000 österreichischen Vertragsbauern, die Natur pur beliefern. Seit vielen Jahren wird die Eigenmarke durch das Werbetestimonial Mirjam Weichselbraun (bekannt u. a. von „Dancing Stars“) beworben. Bio hat dadurch für viele Konsumenten auch ein junges, weibliches Gesicht. (Die Konkurrenz Ja! Natürlich wirbt mit dem namenlosen Bauern im Karohemd und seinem sprechenden Ferkel oder mit dem urigen Bergbauern-Look des Zurück-zum-Ursprung-Gründers Werner Lampert.) Vieles aus dem Natur-pur-Sortiment trägt auch das AMA-Bio-Siegel. Herausragend: die Bio-Wiesenmilch-Produkte – vom geriebenen Bio-Pizzakäse bis zur klassischen Bio-Vollmilch. Bei der Bio-Wiesenmilch handelt es sich um die derzeit hochwertigste flächendeckend verfügbare Biomilch. Die klein strukturierten Biobauern der Kärntner Milch unterliegen besonders strengen Auflagen und müssen die ohnehin bereits sehr hohen Haltungsbedingungen ihrer Milchkühe laufend verbessern.

Bio-Wiesenmilch

Bei der Bio-Wiesenmilch handelt es sich um eine ursprünglich vom Bauernverband Bio-Austria gemeinsam mit der Molkerei Kärntner Milch entwickelte Eigenmarke. Sie stellt gewissermaßen die Weiterentwicklung der „Heumilch“ dar; wobei weder Heu- noch Wiesenmilch automatisch Biokriterien erfüllen. Selbst auf Almen kann mittlerweile intensiv Milch produziert werden. Heumilch, die auch in Bioqualität verfügbar ist, sensibilisiert Konsumenten dafür, dass Kühe heutzutage wesentlich mit Soja und anderem Kraftfutter gefüttert werden. Das heißt einerseits, dass Tiere, die als Wiederkäuer darauf ausgerichtet wären, Heu und Gras optimal zu verwerten, wider ihre Natur gefüttert werden. Und andererseits, dass sie durch den Kraftfuttereinsatz vom Menschen verzehrbares Getreide fressen – und damit in unmittelbare Nahrungskonkurrenz zum Menschen treten. Damit haben Heu- und Wiesenmilch einen Diskurs eröffnet, der uns als Gesellschaft in Zukunft nicht erspart bleiben wird. Die hochqualitative Bio-Wiesenmilch orientiert sich allerdings nicht nur am Tierwohl und ethischen Fragestellungen, sondern kommt gleichzeitig einer traditionellen, klein strukturierten bäuerlichen Milchviehwirtschaft entgegen. Wenige andere Richtlinienkataloge lassen sich derart gut mit den individuellen Anforderungen der teils doch sehr unterschiedlichen Biohöfe vereinen

Bio-Siegel Deutschland

Das deutsche Pendant zum österreichischen AMA-Bio-Siegel ist ein sechseckiges Biologo. Rechtsgrundlage ist das Öko-Kennzeichengesetz der Bundesrepublik bzw. die EU-Bioverordnung. Auch das deutsche Bio-Siegel ist an die patriotische Seele der Konsumenten adressiert. In Deutschland ist das Biosechseck sehr bekannt – auch weil die ehemals rot-grüne Bundesregierung die Biobewegung massiv unterstützt hat (auch in der Forschung und in der Gastronomie). In Österreich taucht es v. a. im Sortiment der Bio-Supermärkte (etwa denn’s) auf bzw. auf den Produkten der großen deutschen Bio-Traditionsmarken oder auch auf den mittlerweile von Rewe gelisteten Alnatura-Produkten.

Naturland

Naturland ist einer der neun großen deutschen Bioverbände und als solcher durchaus vergleichbar mit der österreichischen Bio-Austria. Allerdings ist Naturland weltweit tätig – und zertifiziert etwa auch Tee, Kaffee oder Produkte aus Meeresaquakultur. Insgesamt 43 000 Bauern und Fischer in 46 Ländern arbeiten weltweit nach Naturland-Richtlinien. Diese sind in vielen Bereichen strenger als die Vorgaben der EU-Bioverordnung und setzen oft genug globale Ökostandards. Nicht zuletzt sieht sich der Verband als aktiver Player dabei, die Biobewegung weiterzuentwickeln. Bereits 1995 wurden gemeinsam mit Umweltverbänden Kriterien für die ökologische Waldnutzung definiert (Wald ist nicht automatisch „sowieso bio“, sondern in vielen Fällen auch in Österreich eine intensiv bewirtschaftete Monokultur). 1996 folgten Richtlinien für Öko-Aquakultur. Seit 2005 sind Sozialrichtlinien integral. Seit 2010 gibt es mit „Naturland Fair“ eine Zusatzzertifizierung, die Bio und Fairtrade vereint – auch in den Ländern es globalen Nordens. Seit 2014 finden eigene Naturland-Tierwohlkontrollen statt. Höchst innovativ: Gerade hat Naturland als erster Anbauverband ausführliche Richtlinien für den Transport und die Schlachtung von Tieren verabschiedet, die 2018 in Kraft treten. Zusammengefasst: ein höchst unterstützenswerter deutscher Bioverband mit sehr guten eigenen Richtlinien. Vor allem in den Grenzgebieten zu Deutschland sind auch einige österreichische Biobauern Naturland-Mitglieder.

Bioland

Wie Naturland ist auch Bioland ein großer deutscher Biobauernverband, dessen Aktivitäten sich allerdings auf das deutsche Bundesgebiet beschränken. Seine Richtlinien gehen in nicht wenigen Punkten über die vorgeschriebenen EU-Vorgaben hinaus. Der wesentlichste Unterschied: Jeder Bioland-Betrieb hat zu 100 % biozertifiziert zu sein. Die sogenannte „Teilzertifizierung“ ist nicht möglich. Laut EU-Vorgaben wäre es etwa erlaubt, dass ein Familienmitglied einen konventionellen Schweinemastbetrieb leitet, während der Ehepartner einen biozertifizierten Pflanzenbaubetrieb führt und dort mit dem konventionellen Schweinemist des Partners düngt. Solche Unschärfen sind bei Bioland nicht möglich.

Bio Suisse

Eigen und besonders sind die Richtlinien des Schweizer Biobauernverbands Bio Suisse u. a. deshalb, weil die Schweiz kein EU-Mitglied ist und die EU-Bioverordnung dort deshalb keine Gültigkeit hat. Produkte der Bio-Suisse-Produzenten sind durch die sogenannte „Bio-Knospe“ gekennzeichnet und auch in österreichischen Bioläden zu finden. „Die Schweizer Knospe-Richtlinien sind ein über Jahrzehnte weiterentwickeltes Pionierprojekt“, erklärt der Chefredakteur der Schweizer Bauernzeitung Adrian Krebs. „Sie wurden nicht von Administratoren auf dem Reißbrett entworfen, sondern von der Basis – von Bauern und Forschern, später auch von Verarbeitern und Vermarktern – in zäher Auseinandersetzung im besten Sinn Schritt für Schritt entwickelt.“ Sie sind bis heute etwas schärfer als die EU-Biorichtlinien und lassen sich grob mit jenen der Bio-Austria vergleichen. Knospe-Bauernhöfe haben beispielsweise zu 100 % biozertifiziert zu sein. Es gibt strengere Vorgaben in der Tierhaltung, beim Verpackungsmaterial oder bei Verarbeitungsverfahren und Zusatzstoffen sowie Einschränkungen beim Heizen von Gewächshäusern.