Griffig & Glatt

Aus der Vogelperspektive

Dass Bienen bedroht sind, hat sich herumgesprochen. Welche Bedeutung dabei Feldrain, Hecke und Blühstreifen zukommt, wird allerdings übersehen. Kaum wo gedeihen Nützlinge besser, kaum wo ist die Artenvielfalt größer als am „Feldrand“ oder auf den wilden Streifen zwischen Äckern. 
Dabei sind nicht nur Bauern und Konsumenten gefordert, sondern auch Balkon- und Gartenbesitzer, denn jeder Quadratmeter zählt.

Beginnen wir mit einer erfreulichen Nachricht: Das Einstein-Zitat, nach dem wir als Menschheit abzudanken hätten, sobald die Honigbiene ausstirbt, ist Blödsinn. Nicht, weil Albert Einstein Blödsinn verzapft hätte, sondern weil er das schlichtweg nie gesagt hat. „Wenn die Bienen aussterben, haben die Menschen nur noch vier Jahre zu leben: keine Bienen, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen.“ Jedem von uns ist dieses Zitat bereits untergekommen: im Internet, von Zeitgenossen in Umlauf gebracht, die uns – durchaus löblich – zum aktiven Bienenschutz bewegen wollen. Auch NGOs und Parteien nutzen den Sager zum Mobilisieren für ihre Sache, müssen sich dabei allerdings den Vorwurf gefallen lassen, das falsche Einstein-Zitat wider besseres Wissen immer wieder zu verwenden. Wohl weil es wunderbar Ängste bedient, taucht es immer wieder auf – zuletzt 2015 etwa publikumswirksam in den TV-Spots zur ORF-Umweltkampagne „Mutter Erde“. Tatsächlich stammt die schlüssig klingende Kausalkette von den fehlenden Bienen hin zum Untergang der Menschheit allerdings weder vom weltberühmten Physiker noch stimmt der behauptete Sachverhalt. Beides hat Garson O’Toole in seinem Blog „Quote Investigator“ recherchiert und als populären Irrtum entlarvt. Den eindringlichsten Gegenbeweis stellt die Flora und Fauna Nordamerikas dar: Auch in der Neuen Welt existierten bereits Pflanzen, Tiere und Menschen bevor die Europäer es zu Beginn der Neuzeit „entdeckten“ – mit der Honigbiene im Gepäck. Der Logik des falschen Einstein-Zitats folgend, hätte allerdings erst Kolumbus Leben nach Amerika gebracht.

Auch ohne Bienen würde die Welt nicht untergehen. Dass die fatalistische Vierjahresprognose nicht von Einstein stammt, sondern erstmals 1941 in einem kanadischen Imkerjournal auftauchte und danach immer weiter und wieder falsch zitiert wurde, ändert allerdings nichts daran, dass wir danach trachten sollten, dafür zu sorgen, dass sich die Honigbiene auf Feld und Flur, aber auch auf dem Balkon und im Garten möglichst wohlfühlt. Denn auch das düstere Gedankenexperiment: „Was wäre wenn? Eine Welt ohne Bienen“ wurde unlängst durchgespielt von den deutschen Journalistinnen Kerstin Eitner und Katja Morgenthaler in ihrem Buch „Die Biene – Eine Liebeserklärung“. Selbst wenn das Aussterben der Menschheit auch ohne Biene ausbleibt, ist das Ergebnis des Gedankenexperiments ernüchternd: Obst und Gemüse wären empfindlich teurer, Ackerbau wäre weniger ertragreich, deutlich mühsamer und noch einmal arbeitsintensiver. Und damit viel teurer. 2009 wurde der wirtschaftliche Wert der weltweiten Bestäuberleistung durch Insekten in der Landwirtschaft erstmals hochgerechnet – auf jährlich 153 Milliarden Euro. Da sich Pflanzen und Insekten im Laufe der Evolution aneinander angepasst und gemeinsam Lebensräume erschlossen haben, sind auch die meisten unserer heutigen Kulturpflanzen von der Bestäubung durch Insekten abhängig. 80 Prozent aller Pflanzenarten brauchen Insekten, um sich fortpflanzen und Früchte ausbilden zu können. 

Laut Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) trifft das auf 87 der insgesamt 109 wichtigsten Kulturpflanzen zu. Dazu zählen etwa Apfel, Erdbeere, Mandel, Tomate oder Melone. Ganz ohne Honigbienen müssten andere Insekten einspringen – Käfer, Schmetterlinge und Wildbienen. Derzeit teilt man sich diese Aufgabe. Das unermüdliche Sammeln von Pollen und Nektar gleicht allerdings einem Rückzugsgefecht im ungleichen Kampf gegen die moderne Agrarindustrie mit ihren verharmlosend als „Pflanzenschutzmittel“ bezeichneten Insektiziden und Herbiziden. Wobei es die bedrohte Honigbiene nur als Sympathieträger und stellvertretend für all das andere Getier in die Öffentlichkeit schaffte. „In Mitteleuropa sind je nach Land und Region zwischen 25 und 68 Prozent aller Wildbienenarten gefährdet“, berichtet Peter Meindl von der österreichischen Niederlassung des FiBL. Meindl beschäftigt sich mit der Förderung von Wildbienen durch Blühstreifen, Hecken, Streuobstwiesen und das, was Landschaftsplaner „Saumbiotope“ nennen, also etwa die natürlichen Grünstreifen an Waldrändern oder Feldrainen. Allein in Österreich gibt es knapp 700 Wildbienenarten. „Eine vielfältig blühende Biodiversitätsfläche ist auch für andere Insekten, Vögel und Wildtiere ein idealer Rückzugs- und Lebensraum“, so Meindl. Bis vor ein paar Jahrzehnten wurden diese Flächen händisch gemäht oder von Vieh beweidet. Mittlerweile sind sie meist mit Büschen oder Hecken zugewachsen, oft aber auch durch Flächenzusammenlegung verschwunden.

Je höher die Hecke, desto besser die Ernte. Die Landwirtschaft in Österreich ist verhältnismäßig immer noch sehr klein strukturiert. Dazu brauchen wir uns nur Luftaufnahmen entlang der ostösterreichischen Staatsgrenze ansehen. Aus der Vogelperspektive ist der Eiserne Vorhang immer noch augenscheinlich. Denn die kommunistischen Landreformen der ehemaligen Ostblockländer Tschechoslowakei und Ungarn sind der Kulturlandschaft unauslöschlich eingeschrieben. Die in der Nachkriegszeit von Kolchosen bewirtschafteten Ackerflächen sind deutlich größer als die angrenzenden Äcker und Fluren in Österreich. Gut möglich, dass Tschechien und die Slowakei die Fehler der Vergangenheit in den nächsten Jahren mancherorts wiedergutmachen werden. Und gerade Ungarn mit seinen sich endlos weiten ausdehnenden Ackerflächen muss künftig mit gravierenden Problemen rechnen. Denn Hecken, Feldraine und Saumbiotope stoppen nicht nur den Wind und beugen damit der Erosion und dem Verlust von fruchtbarem Boden vor, sie sind auch wirksame Bollwerke gegen manche Auswirkungen des Klimawandels. Das haben Forscher der Wiener Universität für Bodenkultur (BOKU) in den Ebenen des Marchfelds herausgefunden. „Hecken verbessern das Mikroklima. Sie bieten Windschutz, reduzieren die Verdunstung und garantieren Nutzpflanzen eine bessere Wasserverfügbarkeit“, erklärt Josef Eitzinger, Agrarmeteorologe an der BOKU. 

 Ein Langzeitmonitoring entsprechender Flächen hat auch gezeigt, dass die reduzierte Windgeschwindigkeit dafür sorgt, dass mehr Schnee liegen bleibt. „Mehr Schneeablage bedeutet auch, dass bei der Schneeschmelze Wasser einsickert, das den Pflanzen zur Verfügung steht“, so Eitzinger. Wenn an warmen Tagen weniger Wasser verdunstet, wird nachts mehr Tau gebildet und die Felder müssen weniger bewässert werden. Das ist nicht nur ökologisch wichtig, sondern rechnet sich auch unmittelbar ökonomisch. „Wir haben gemessen, dass es gerade in trockenen Jahren in der Nähe von Hecken deutlich höhere Erträge gibt.“ Dabei gilt: Je höher eine Hecke ist, desto besser, denn der Wirkungsbereich einer Hecke hängt direkt von ihrer Höhe ab. „Wir multiplizieren mit zehn“, erklärt der Agrarmeteorologe. „Eine acht Meter hohe Hecke wirkt sich über ein 80 Meter breites Feld positiv aus.“ In beide Richtungen. Eine Hecke alle paar Hundert Meter wäre also sowohl aus ökologischer wie aus ökonomischer Sicht wünschenswert. Gerade der Osten Österreichs, vor allem das Burgenland, das Marchfeld und das Weinviertel werden, so Josef Eitzinger, in den kommenden Jahren massiv unter Trockenheit und Hitze leiden. „Beides verursacht Stress für Pflanzen und wirkt sich negativ auf die Ernte aus. Übertragen auf eine gesamte Landschaft und Region haben Hecken also eine große Wirkung auf den Wasserhaushalt.“ Unmittelbar nach der Ernte werden mittlerweile deshalb sogenannte Zwischenkulturen – vor allem Grünpflanzen – ausgesät. Diese werden nicht geerntet, sondern wirken sich einerseits positiv auf die Bodenbeschaffenheit und den Humusgehalt aus und verhindern andererseits die Verdunstung. Nicht zuletzt bieten sie in den sonst kargen Zeiten nach der Ernte auch genügend Nahrung für Insekten, Honig- und Wildbienen. Denn auch wenn das falsche Einstein-Zitat inhaltlich in die Irre führt – eines haben Bauern, Konsumenten und sogar die Landwirtschaftskammer in den vergangenen Jahren gelernt: Geht’s der Biene gut, geht’s uns allen besser.

Die Biene – Eine Liebeserklärung.

Begeistert geschrieben, ein Vergnügen, zu lesen: In „Die Biene – Eine Liebeserklärung“ räumen Kerstin Eitner und Katja Morgenthaler mit allerlei Mythen rund um die bedrohte Honigbiene auf und führen in die faszinierende Welt des Superorganismus Bienenstaat. Ein tolles Buch, erschienen in der Edition Greenpeace Magazin.

Natur verbindet.

Natur braucht Vernetzung In der Natur ist nichts schlimmer als die „Insellösung“. Arten haben nur dann Bestand und Vielfalt bleibt nur dann gewährt, wenn genügend Lebensräume vorhanden sind, die untereinander wechselwirken. Andernfalls droht die genetische Verarmung, das Aussterben von Pflanzen und Tier. Diesem Worst Case möchte nun der Naturschutzbund vorbeugen. Für seine Initiative „Natur verbindet“ hat sich die NGO die Landwirtschaftskammer, die Bundesforste, das Ministerium für ein lebenswertes Österreich und den ORF zur Verstärkung geholt. Gemeinsam möchte man Grundbesitzer aller Art motivieren, ihre Flächen möglichst naturnah zu erhalten oder eben künftig naturnah zu gestalten. Kleine und große Landwirtschaftsbetriebe werden ebenso adressiert wie Gartenbesitzer, Kommunen (die für Parks, öffentliche Flächen oder Friedhöfe verantwortlich sind), Schulen, aber auch Betriebe mit Firmengelände, die Blühflächen für Biene & Co bereitstellen wollen. Weil – so das Motto der Aktion – „Jeder m2 zählt“, werden alle Flächen auf der Website eingetragen, auf einer Karte dargestellt und derart vernetzt. www.naturverbindet.at

Text: Thomas Weber / Fotos: Luftaufnahme Josef Eitzinger / …., Peter Meinl