Griffig & Glatt

Muss uns wurscht sein

Der Würstelstand ist eine Wiener Institution, ein Wiener Handwerk. Grund genug, ihn ein wenig zu erforschen.

Für Freunde des besonderen Humors gibt es kaum etwas Lustigeres, als einen Touristen zu einem Würstelstand zu schleppen und sich darüber zu zerkugeln, wie der Tourist versucht, a Eitrige mit an Buggl und an 16enr-Blech owa tscheniffa zu bestellen. Der Würstelstandler lacht, der Tourist lacht, der Begleiter lacht, alle lachen. Der Vorhang fällt. Dass diese Bestellung außerhalb des touristischen Biotops mittlerweile selten geworden ist, wohl auch wegen ihrer inflationären Ausschlachtung in touristischen Kontexten, ist schade, denn in Wahrheit ist die Sprache am Würstelstand fast schon fortgeschrittene Lyrik und sollte gepflegt werden, so wie der Würstelstand an sich schützenswert ist, nicht nur wegen seiner kulinarischen Spezialitäten.

Historisch war er schon früh ein Ort des Treffens, des Austauschs. Man mag es für romantisch halten, wenn man schreibt, dass sich hier Anwälte und Hackler die Hand geben, aber wenn man sich die Zeit nimmt und am Würstelstand beobachtet, dann merkt man schnell, dass die, sagen wir mal, soziale Durchlässigkeit am Würstelstand so hoch ist wie sonst selten. Das liegt wahrscheinlich nicht nur am Speisenangebot, das für Vegetarier und Veganer eher nur Brotscheiben und Gurkerln umfasst und mit seinen fettigen Würsten ganz sicher nicht etwas ist, das man sich täglich in großen Mengen in die Figur stellt (an dieser Stelle stellen wir uns vor, dass Tobias Müller die Hand hebt und auf sein „All you can eat“ zum Thema Fett verweist, leise protestierend).

Der Charme des Würstelstands liegt wohl auch darin, dass er so wunderbar entschleunigend wirkt. Hier bestellt man eine Wurscht und ein Bier und stellt sich hin, man hetzt nicht sofort weiter zum nächsten Termin, sondern nimmt sich das bissel Zeit, um die Wurscht zu genießen. Und dadurch wird überhaupt die Möglichkeit geschaffen, dass man miteinander ins Reden kommt. Das ist vielleicht einer der größten Unterschiede zu anderen Snackangeboten.

Und ja, es gibt den Hot Dog, aber reden wir bitte nicht darüber. Der Würstelstand wird aus Wien sicher nicht verschwinden, auch wenn es heute deutlich weniger Exemplare gibt als noch vor ein paar Jahren. Als Wiener Institution sollte man ihn feiern und sich an seinen Köstlichkeiten laben, denn eine Käsekrainer kriegt man zu Hause nie so hin, wie sie am Würstelstand schmeckt. Außerdem gilt: Beim Reden kommen die Leute zusammen. In unserer heutigen Zeit ist das ganz bestimmt etwas, woran man sich wieder öfter erinnern sollte. Sollt uns ned wurscht sein.

Text: Michael Knoll | Fotos: Lukas Lorenz