Griffig & Glatt

Der Wächter der Sorten

Der gebürtige Malier Tristan Toé baut auf dem Kremser Wachtberg Melanzani, Paradeiser, Karotten, Gurken und Salat an. Das Besondere daran: Das Gemüse sprießt trotz widriger Bedingungen – auf seichtem Boden und hartem Stein – aus Erde, nicht tiefer als im Blumentopf. Mit Chemie ist es noch nie in Berührung gekommen und alle Sorten, die Toé hier zum Wachsen bringt, sind „alt“.

Die Sonne prallte auf das dünne Blechdach und von drinnen drang aus Kübeln, Flaschen und Kanistern ein beißender Geruch. Das kleine Geschäftslokal in Bamako, der Hauptstadt des westafrikanischen Staats Mali, war verwaist. Den Verkäufer, so erzählt Tristan Toé Jahre später an einem soliden Holztisch im Waldviertel sitzend, hätte er irgendwo auf der Straße ausfindig gemacht. „Der konnte in seinem eigenen Geschäft nicht bleiben, wegen des Chemiegeruchs und der Hitze.“

Als Toé später in einem Dutzend weiterer Geschäfte Kisten und Regale durchwühlte, um dennoch nicht mehr zu finden als insgesamt zwei unterschiedliche Sorten Tomaten, da verzweifelte der junge Mann. Die Ferien an der Uni hatte der gebürtige Malier zum Heimaturlaub genützt. Seit vier Jahren studierte er in Frankreich Gartenbau, nun wollte er den Eltern einen auf Vielfalt basierenden Biogarten anlegen. Was er in den Geschäften seiner Heimatstadt allerdings fand, waren durch die Bank Samen, die aufgrund ihrer genetischen Beschaffenheit nicht zur Vermehrung taugten, und er fand nichts außer ihn erschreckende Homogenität. Von den Sorten, die seine Kindheit geprägt hatten, war kaum noch etwas übrig.

Die Landwirtschaft ist Malis wichtigster Wirtschaftszweig. Rund 70 bis 80 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiten im Primärsektor – schlecht oder gar nicht ausgebildete Menschen, viele von ihnen Analphabeten, zu zwei Dritteln unter der internationalen Armutsgrenze lebend.

Auf den Saatgutverpackungen, die Toé in Mali in Händen hielt, las er in feiner französischer Schrift den Hinweis „F1-Hybridsamen“, was bedeutet: Für eine Pflanzengeneration – F1 genannt – züchtet der Bauer oder Gärtner ertragreiche, widerstandsfähige Pflanzen, die sehr einheitlich sind, zur selben Zeit reifen und damit äußerst effizient zu ernten sind. Nur: Nach einer Saison ist das angekaufte Saatgut wertlos, denn es ist nicht samenfest. Aus der F1-Generation kann kein Saatgut für nachfolgende Kulturen gewonnen werden. Der Nachbau und damit die Entwicklung von hofeigenen Sorten ist mit Hybriden, deren Elternlinien in den Labors großer Saatgutkonzerne unter Verschluss gehalten werden, stark eingeschränkt und meist nicht möglich. Die Unternehmen sorgen mit einer Art „eingebautem“ Sortenschutz dafür, dass regelmäßig eingekauft werden muss. Eine Praxis, die weltweit angewendet wird, sowohl in konventionellen wie auch in biologischen Betrieben.

Nach seinem missglückten Versuch, einen Garten zu pflanzen, ging Toé zurück nach Frankreich – mit einem soliden Plan: „Ich wollte etwas gegen diese Entwicklung tun und spezialisierte mich an der Uni auf Samenzüchtung und Samenvermehrung.“ Er begann, sich für biologisch-dynamische Landwirtschaft zu interessieren, und landete im Zuge eines Praktikums auf dem Wachtberg.

Da, wo er heute am soliden Holztisch sitzt: „Im Stoan“, wie er in breitem Waldviertlerisch sagt. Auf einer rund 400 Meter hohen Erhebung im Kamptal. Auf massiven Gesteinsplatten, bedeckt von ein bisschen Sand und einer nicht mehr als 20 Zentimeter dicken Humusschicht. „Der denkbar schlechteste Boden hier in der Gegend“, lacht der 35-Jährige. „Super trocken, super seicht. Der Boden speichert kein Wasser, der einzige Brunnen liegt 96 Meter tief und gleichzeitig“, freut er sich, „ist es der beste Boden, den ich mir vorstellen kann. Unsere Felder sind relativ weit weg von der Straße und sie sind umgeben von Hecken. Rundherum können die Bauern also spritzen, so viel sie wollen. Hierher auf meine Felder kommt nichts. Dieser Boden ist mit Spritzmitteln noch nie in Berührung gekommen.“

Kunstdünger, Pestizide, Fungizide und Ähnliches findet man nicht auf dem kleinen Hof auf dem Wachtberg. Toé ist Idealist und ein gebranntes Kind. Was die Situation der Landwirte in seinem Heimatland nämlich verschärft: Das Hybrid-Saatgut, das die „alten“, auf afrikanischen Boden eingestellten Sorten verdrängt, wird zu großen Teilen aus Südfrankreich importiert und ist nicht ausgerichtet auf die klimatischen Bedingungen der Sahelzone. Mit chemischer Unterstützung werden die Ernteerträge dennoch ansehnlich. „Aber was das für die Leute vor Ort bedeutet, die Warnhinweise auf den Behältern nicht lesen können und die Mittel vollkommen falsch anwenden, darüber macht sich kaum jemand Gedanken“, sagt Tristan Toé.

Er erzählt, wie er bei einem seiner letzten Heimatbesuche Milch kaufen wollte und wie der Mann hinterm Tresen anfing, die Flüssigkeit in einen leeren Düngemittel-Kanister zu füllen. „Hey, bist du verrückt? Was machst du da?“, habe Toé entgeistert gerufen und von seinem Gegenüber nicht viel mehr als ein Schulterzucken und eine schlichte Antwort geerntet: „Ist sauber, lag ewig im Fluss.“

Die Füße der Bauern, die ohne Schuhe oder Gummistiefel in der chemisch gedüngten Erde stehen, erzählt der Wahl-Waldviertler, seien stark in Mitleidenschaft gezogen und hätten Hautirritationen, gegen die die jahrhundertelang eingesetzte Shea-Butter nicht ankommt und zu deren Behandlung es bislang keine Medikamente gibt.

Auf den Wegen seiner eigenen Felder bewegt sich der Biobauer auch barfuß – auf fest vorgegebenen Wegen. „Beet bleibt Beet und Weg bleibt Weg“, erklärt er. „Mein Ziel ist es, Gemüse zu produzieren und gleichzeitig den Boden zu verbessern. Deswegen mulche ich hier alles – Beete und Wege. Damit schütze ich den Boden vor Sonne und vor starkem Regen – ich habe null Erosion und die Pilze und Würmer haben unter dem Stroh ein kuscheliges Bett.“

Es ist die dritte Saison, die Toé mit seiner Familie auf dem Wachtberg lebt. Während seines Praktikums lernte der Malier eine Waldviertlerin kennen: „Die Einzige, die in der Gegend französisch sprach“, schmunzelt er. Mit ihr hat Toé mittlerweile zwei Kinder. Der Hof, auf dem er lebt und arbeitet, gehörte den Schwiegereltern. Als er zum ersten Mal hierherkam, erinnert er sich, habe er sich über so einiges gewundert. Die „Vorsicht Kröten“-Schilder zum Beispiel, die auf der Straße den Weg säumten. „Ich fand das sehr schön“, sagt er, „dass sich Leute hier sogar um Kröten kümmern, ihnen über die Straße helfen.“ Er lacht.

Ins Waldviertel kam Toé mit dem Ziel, biologische Landwirtschaft zu betreiben, in großer Vielfalt Pflanzen anzubauen, Samen zu züchten, die Vermehrung erlauben. Ein bisschen zum Ursprünglichen zurückzukehren, um das Wissen, das er sich aneignen würde, auch seinen Leuten in Mali weiterzugeben.

Die Waldviertler, die das Treiben des Afrikaners anfänglich mit hochgezogenen Augenbrauen beobachteten, hätte er mittlerweile auf seiner Seite. „Den Leuten hier ist wichtig, dass du was tust. Wenn du arbeitest und was weiterbringst, respektieren sie dich.“ Obwohl sich seine Arbeit auf dem Feld doch stark von der ihren unterscheidet, beides ist Landwirtschaft. „Für mich nicht. Für mich ist Traktorfahren, Pestizidespritzen und Kunstdünger nicht Landwirtschaft. Das ist Industrie. Ein Bauer, der mehr Bezug zu Maschinen, Computern und zu Chemie als zur Natur hat, ist für mich kein Bauer, sondern Ingenieur. Für mich spielt sich Landwirtschaft zwischen dem Menschen, der Natur und der Erde ab, die er bearbeitet, mit seinen eigenen Händen.“

Als Toé begann, seine Felder anzulegen, kniete er sich nieder und testete, wie weit die Spannweite seines rechten Arms reichte. Damit hatte er die ideale Breite seiner Beete errechnet, denn er wollte von der einen Seite des Beets auch Unkraut auf der anderen zupfen und er wollte von der einen Seite mit einem großen Schritt auf die andere treten können. Außerdem legte er die Beete quer an, nicht längs, und das alles aus folgendem Grund: Weil er nicht vorhatte, mit Traktoren durch seine Felder zu fahren, musste er einerseits die Wege nicht nach Reifenbreiten auslegen und war flexibel. Die langen Beetbahnen, die ein normales Feld kennzeichnen, nahmen ihm die Motivation. „Da hast du nicht das Gefühl, mit deiner Arbeit jemals fertig zu werden“, erklärt er. „Bei kurzen Beeten, die quer verlaufen, hast du viel mehr Erfolgserlebnisse.“

Ein Vorgehen, das ihm seine Betriebsgröße ermöglicht. Bei 0,8 Hektar bepflanzter Fläche lässt es sich auf Maschinen verzichten. 75 Haushalte versorgt Toé durchschnittlich mit Gemüse. „Du baust an, du ernährst dein Dorf, deine Umgebung. So sollte es eigentlich sein.“ Förderungen bekommt er aufgrund der geringen Anbaufläche fast keine. „Die EU fördert Großbauern. Ein Betrieb wie unserer entspricht nicht den Normen, deswegen bekommen wir so gut wie nichts.“ Ein Problem, das Neuinvestitionen oder langfristige Planung erschwert, dem er jedoch mit Konzepten wie gemeinschaftlich getragener Landwirtschaft – die Kunden zahlen ihren Ernteanteil zu Saisonbeginn und bekommen über die Monate in bestimmten Mengen Gemüse – entgegenwirken will.

Ein weiteres Problem, das sich für den Biobauer aus der geringen Betriebsgröße ergibt: Seine Pension errechnet sich ebenfalls aus der bewirtschafteten Fläche. „Bei nicht mal einem Hektar wird das sehr wenig sein. Andere Bauern haben 100 Hektar oder 200 und natürlich verkauft niemand mit der Aussicht auf geringere Pensionszahlungen freiwillig seinen Grund.“

Durch sein behutsames Vorgehen jedenfalls fängt sein Boden – auch wenn es kein Großgrund ist – langsam an, gute Erträge abzuwerfen. „Dieses Jahr“, meint Toé stolz, „konnte ich meine Paradeiser schon einen Monat früher ansetzen, weil wir bereits im April aufgrund der Mikroorganismen, die im Erdreich Wärme erzeugen, eine Bodentemperatur von acht bis zehn Grad hatten.“

Was der junge Landwirt macht, ist beobachten und lernen. Erfahrungswerte, auf die er zurückgreifen kann, gibt es nicht. Noch nie zuvor hat jemand in dieser Gegend auf seine Art Gemüse angebaut. „Mein Jahr“, sagt Toé, „beginnt auf zwei Quadratmetern.“ Er deutet auf die Anzuchtbecher, die vereinzelt neben den Beeten stehen. Von hier aus fängt er jedes Jahr aufs Neue an, seinen Samen beim Wachsen zuzusehen. Und zuzuhören. Wenn er gegen Mitternacht durch das Grün streift, zu einer Zeit, wo die Pflanzen gesättigt sind und sich nicht gegen die Sonne schützen müssen, dann, erklärt der Bauer, könne er seine Tomaten tanzen sehen. Für ihn sei das die schönste Zeit des Tages: zu Mitternacht im Gemüsebeet. Die Pflanzen, so erzählt er, seien für ihn so wie Kinder – und wenn man sieht, wie behutsam er mit Blüten, Blättern und sogar mit dem auf dem Boden liegenden Mulch umgeht, glaubt man ihm das. „Deswegen kann ich die auch nicht selber verkaufen“, lacht er. Auf dem Wochenmarkt in Horn stehen Helfer, die seine Babys in Sackerln verpackt Fremden mit nach Hause geben.

Und was sie da einpacken, ist durchaus auch exotisch. Toé baut ausschließlich samenfeste Sorten an. Neben Fisolen, Kohlrabi und Roten Rüben züchtet er Favabohnen, chinesisches Gewürzkraut und Physalis. Und ganz am Rand eines Beets – zart grün und wenige Zentimeter hoch – wachsen Erdnüsse. Alte Samen aus Mali. Auf dem Wachtberg gut behütetes Genmaterial, das fast verloren ist. Wie hoch die Chancen sind, dass hier im Waldviertel tatsächlich Erdnüsse wachsen? „Ich weiß nicht“, antwortet der Bauer, „vielleicht nicht so hoch, aber ich hab mich ja auch an die harten Lebensbedingungen hier gewöhnt.“ Er zwinkert. „Red ma in zehn Joah weiter.“

Info

Toés Gemüse kann man entweder ab Hof kaufen oder auf dem Wochenmarkt in Horn. Finden sich 40 Partizipanten einer gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft in Wien, liefert er sein Gemüse auch in die Hauptstadt. Nähere Infos unter: www.biosain.at

Text: Verena Randolf / Fotos: Lukas Lorenz