Griffig & Glatt

Alte und neue Bauchgefühle

Jeder Mensch trägt in seinem Kopf und – gewissermaßen – in seiner Mitte eine kulinarische Kindheitserinnerung mit sich herum. Duftend, wohlig, geborgen

Natürlich existiert auch bei mir so eine – es sind die perfekt geformten Buchteln meiner Mutter, die in warmer, selbst gemachter Vanillesoße ruhten und von denen ich oft Bauchweh bekam, weil ich nicht aufhören konnte. Und nein, damals dachte deshalb niemand an Laktoseintoleranz oder eine Pilzinfektion des Darms, sondern schlicht an Überfres­sen. Daran war – wer sonst? – die Mama schuld. Sie, als vom Hunger geplagtes Kriegskind, hatte für jede Lebenslage das passende Kochrezept parat. Palat­schinken mit selbst gemachter Marillenmarmelade gegen den Novemberblues. Große, mit Powidl gefüllte Germknödel bei Liebeskummer. Dazu zerlaufene Butter, viel Mohn und ganz schön viel Staubzucker. Ein Vanillerostbraten mit viel Knoblauch, um Papa bei Laune zu halten. Dazu ein Krug mit frischem Bier, das ich als Kind vom Wirten holen musste. Und, ach ja: das Beuschl, um eine ganze Beuschl-Fan-Gemeinde zum Beuschl-Gelage zu laden.

Womit wir auch schon übergangslos dort gelan­det wären, wo zumindest meine Lust am Essen abrupt endet. Denn zu jeder positiven kulinarischen Kindheitserinnerung gibt es einen Gegenentwurf – die „Pfui, war das grauslich“-Reminiszenz. Ehrlich? Mir wird heute noch beim Gedanken an dieses Gericht, von dem alle behaupteten, es sei das beste Beuschl von ganz Wien, schlecht. Sogar, wenn ich das Wort nur tippe, tut das was mit mir und meiner beuschltrauma­tisierten Magenschleimhaut. Denn auch das gehörte zu dieser kulinarisch so dichten Zeit: dass ich aufessen musste. Egal, was mir vorgesetzt wurde. Also auch besagtes Hass-Essen. „Ein Bissen für die Mama. Ein Bissen für den Papa. Ein Bissen für die Puppe.“ Aber Mutti so: „Wenn du brav aufisst, gibt es nachher ein Knöderl.“ Gnade.

Sogenannte Vollkost-Sachen

Einige Jahre später stand ich in einem der damals noch raren Bioläden Wiens und war fest entschlossen, meiner von Germknödeln geprägten Lebensphase (ja, ich hatte oft Beuschl und ebenso oft Liebeskummer) ein entschiedenes Ende zu setzen. Das erste Mal in meinem Leben hielt ich sogenannte „Vollkost-Sachen“ in der Hand. Ungewohnt, weil ich das schneeweiße Mehl, das meine Mutter auf ihr großes Teigbrett streute, um irgendeine ihrer Süßspeisen zu zaubern, liebte. Es schien wie weißer Sand, der aus dem Packerl rieselte und auf magische Weise – gemeinsam mit anderen Zutaten – in wundersame Köstlichkeiten verwandelt wurde. Aber jetzt: Vollkorn. Und Disziplin. Neues Leben. Alles anders. Alles gut.

Zuvor war mir ein Buch in die Hände gefallen: „Die Weizenkleie-Diät“. Der Auftakt zu meiner Trocken­phase, obwohl keine Alkoholikerin. Ich fand, das sei genau das Richtige für mich, die mit Ahornsirup-Zitro­nensaft-Tagen und Hollywood-Ananas-Kur erfolglos versucht hatte, den Baby-Hüftspeck loszukriegen. Aber auch, um kulinarisch erwachsen zu werden und der „Powered-by-Schweineschmalz“-Küche meiner Mutter für immer und ewig zu entkommen. Ein Jahr lang ernährte ich mich fast ausschließlich von Bio-Topfen, Bio-Kleie, Bio-Käse und Bio-Knäcke. An Festtagen gönnte ich mir ein Schnittchen frisches Vollkornbrot mit vegetarischem Schmalz, wobei das Vollkornbrot damals die Konsistenz von Plastilin hatte und so schwer verdaulich war wie eine Schweizer­haus-Stelze. Doch egal. Ich fühlte mich auf eine neue Weise herrlich. Initiiert, besser als andere – und ab sofort als Ernährungs-Apostelin, die mit ihrem Neuen Ess-Testament hausieren ging. Um von nun an alles, was Messer und Gabel halten konnte, zu bekehren.

Getreidemühle als Statussymbol

Vor allem die eigene Familie. Deshalb musste eine Getreidemühle her. Natürlich nicht irgendeine Getrei­demühle, sondern der Rolls-Royce unter den Getrei­demühlen. Mein neues Statussymbol – wunderbar dazu geeignet, um in Damenrunden damit zu protzen: „Also ich male mir mein Rohkost-Müsli neuerdings mit einer Salzburger Getreidemühle. Mit Steinmahlwerk, übrigens.“ Oh! Ah! Neid. Tatsächlich war das jene Zeit, in der Ernährungsbewusste angesichts von Körnern, die zwischen sündteuren Steinblöcken zermalmt wurden, leicht bis mittelschwer hyperventilierten. Es handelte sich quasi um die Hermès-Tasche der Rohkost-Müsli-Fraktion in der Rohkost-Müsli-Epoche. In der es bei mir daheim nicht nur Rohkost-Müsli gab, sondern auch Rohkost-Teller und Rohkost-Weihnachts­goodies. Ich fühlte mich groß, stark – und meistens sehr aufgebläht. In dieser Phase wurde übrigens mein Sohn von mir ernährungstechnisch sozialisiert. Besser: Es war der Versuch einer Sozialisierung nach meinem Geschmack. Dazu reichte ich ihm ausschließ­lich frisch zubereiteten Gemüsemantsch, Tofulaibchen und biologisch korrekte Kuchen ohne Zucker, dieses Teufelswerk. In der tiefen Überzeugung, mich glück­lich und ihn gesund zu machen. Er gedieh trotzdem – oder gerade deshalb. Was aus ihm wurde? Gute Frage. Ein 28-Jähriger mit großem Appetit auf T-Bone-Steaks und Grillwurst. Und ja, er hat mir verziehen.

Und dann kam der Steinzeit-Diätler

Das lag vor allem daran, dass irgendwann einmal Ehemann Nr. 2 in mein Leben trat. Der fleischgewor­dene Steinzeit-Diätler. Gäbe es heute noch Mammuts, er würde sie jagen, häuten, zerlegen und alle genieß­baren Teile auf einmal in die Fleischpfanne hauen. Dazu nichts als ein paar fette Soßen und Ketchup. Sein kulinarisches Leben war von Anbeginn eine Ansage gegen alles, was bunt ist und an Gemüse erinnert. Paradeiser sind seine persönliche Beuschl-Niederlage. Salat empfindet er als Angriff auf seine Geschmacks­nerven. Er schätzt Schokolade, Nutella und möglichst große Steaks. Blutig. Archaisch. Eine Herausforderung für ein Nagetier wie mich. Zumal ich längst in die Ernährungsphiloso­phie-Epoche Nr. 6 eingetaucht war. Kleines Update: Nach der Körndlphase folgten im Laufe der Jahre die „So ernähre ich mich basisch“-Monate, die „An meinen Körper lasse ich nur Gemüsesaft und Suppen“-Wochen, die „Abends esse ich fix nicht“-Versuche, durchwachsen von „Eh wurscht, ich ess’ doch alles“-Phasen. Und jetzt eben Epoche Nr. 6: die Sache mit den fünf Elementen oder „Wie ich lernte, meine Milz einzukochen“. Die Milz, so erfuhr ich aus all den vielen Ratge­bern zum Thema, die ich mittlerweile erstanden hatte, sei das Epizentrum meines Verdauungssystems. Zustän­dig für alles Gute. Für mein Wohlbefinden ebenso wie für mein Glück. Für meine Vitalität ebenso wie für meinen Augenglanz. Rohkost (sic!) mag sie gar nicht, Gekochtes und Warmes hingegen schon. Also startete ich von nun an mit einem warmen Gericht in den Tag, das Ehemann Nr. 2 als „grauslichen Gatsch“ abtat, während er sich an Spiegelei mit Speck labte. Ich hingegen hatte endlich das Gefühl, kulinarisch angekommen zu sein. Ich vertiefte mich, braute Congees (Gatsch aus Reis), Currys (Reisgatsch mit allerlei exotischen Gewürzen) und Eintöpfe aus gekochtem Getreide (grauer Gatsch, aber mit Kräutern verfeinert). Was auch immer mir einfiel: Ich braute für mich ganz alleine. Saß einsam vor Gerichten, die in Shoyu-Soße schwammen und nach Ingwer dufteten. Die von Ehemann Nr. 2 ernährungsphilosophisch sozialisierte Tochter hatte dafür lediglich ein „Bäh“ übrig. Der Mann sagte nur: „Wenn’s dir schmeckt.“ Und wandte sich ab. Dabei war ich es gewesen, die seinen Augenstern zu einem gesunden Kind machte: mit selbst gekochtem Hirsebrei im Fläschchen.

Auf den Bauch hören

Sie werden sich möglicherweise fragen, wo ich heute denn so stehe. Nun, man weiß ja: Das Alter macht weise. Heute sitze ich – geistig – am Ufer des Flusses und lasse die Bilder meiner Lebens-Speisekarte vorüberziehen. Ich sehe Schmalzbrote ebenso wie Weizengluten-Schnitzel. Ich sehe Beuschl ebenso wie Zucchini-Laibchen. Ich sehe große Steaks vom Grill ebenso wie Burger aus Gerste. Ich rieche Abführtees, ich spüre den Nachgeschmack basischer Suppen, ich weiß noch, wie es ist, drei Wochen lang nur von Milch und Semmeln zu leben. Ich kann immer noch spüren, wie es sich anfühlt, an Vanillekipferln aus Vollkornteig zu verzweifeln, weil so ein Teig die Konsistenz von trockenem Brot hat. Ich weiß aber auch, wie es sich anfühlt, nach 14 Tagen Detox-Diät in eine Wurstsem­mel mit Kalbspariser und Gurkerl zu beißen.

Was ich aus alldem gelernt habe? Ganz einfach: Ich habe gelernt, auf meinen Bauch zu hören. Ich weiß endlich, was mir guttut. Und kann das, wovon ich weiß, dass es mir weniger guttut, trotzdem genießen – weil alleine der Geschmack so einer bewusst gelebten „Sünde“ ein sehr spezieller Genuss sein kann. Solange man sich dafür nicht bestraft, sondern einfach nur im Genuss-Augenblick verweilt. Ich esse einfach gerne. Und zwar alles, außer Beuschl.

Meine Getreidemühle habe ich übrigens immer noch. Sie steht seit zehn Jahren unbenützt und verstaubt in einem beschaulichen Küchen-Eck. Sie erinnert mich an das Feuer und die experimentelle Begeisterung meiner Jugend. Vermutlich werde ich sie irgendwann, auf meine ganz alten Tage, noch einmal anwerfen und brummen lassen. Und mich dabei an das erste Müsli meines Lebens erinnern.

 

Text: Gabriele Kuhn*

Illustration: Melanie Rukaber

* Gabriele Kuhn leitet das Ressort Lebensart bei der Tages­zeitung Kurier. Gemeinsam mit Michael Hufnagl, freier Autor, schreibt sie jeden Sonntag im Kurier die Paarkolumne Paaradox.