Griffig & Glatt

2000 qm für Jeden

Die Welt als Acker und Vorstellung: Auf 2.000 m2 bestellt die Berliner Zukunftsstiftung Landwirtschaft einen eindrucksvollen „Weltacker“. Darauf wachsen anteilsmäßig alles Obst und Gemüse sowie alle Feldfrüchte, wie sie global verteilt angebaut werden.
 Benedikt Härlin über den Acker als plakative Infografik und 3D-Sinnbild.

2015 wurde von den Vereinten Nationen zum „Jahr der Böden“ ausgerufen. Warum eigentlich?

Um die Böden ist es weltweit schlecht bestellt. 2015 wurde von der UNO deshalb zum „Jahr der Böden“ ausgerufen – um Bewusstsein dafür zu schaffen, wie bedroht unsere wichtigste Ernährungsgrundlage mittlerweile ist. 20 Milliarden Tonnen Boden gehen nach Schätzungen des deutschen Umweltpolitikers Klaus Töpfer weltweit pro Jahr verloren. Doch auch wenn viele der Ursachen für Bodenverlust – wie Versalzung, Wassermangel und Wüstenbildung, Entwaldung oder Kontamination – exotisch klingen, das Thema betrifft uns alle direkt, denn Erosion, falsche Bewirtschaftung und Bodenversiegelung durch Verbauung machen sich gerade auch im Wiener Umland bemerkbar. „Schon die ersten Siedler in der germanischen Zeit vor Christi Geburt haben die Wälder auf fruchtbaren Böden gerodet und sich am Wasser angesiedelt, auch dort wo sich heute Wien befindet“, erklärt Winfried Blum, emeritierter Professor an der Universität für Bodenkultur (BOKU). Wenn Wien heute zur 2-Millionen-Metropole heranwächst, dann passiert das immer noch auf den besten Böden; im Donaufeld oder auch im Marchfeld. „Da wird es langsam eng“, meint Blum.

Die fruchtbaren Marchfeldböden – das ehemalige Überschwemmungsgebiet im Einflussbereich von Donau und March liegt heute im ökonomischen Spannungsfeld von Wien und Bratislava – sind ein einzigartiger und langsam über Jahrtausende gewachsener Lebensraum. In einem einzigen Teelöffel Erde leben mehrere hundert Fadenwürmer und mehrere Milliarden Bakterien. Blum hat mit seinen Studierenden das Donausediment überprüft. „Entlang der Donau gibt es Böden, die sind 6.000 bis 8.000 Jahre alt.“ Aus menschlichem Blickwinkel betrachtet handelt es sich also um eine nicht erneuerbare Ressource, weshalb das Ökosoziale Forum, die Hagelversicherung und private Initiativen wie www.bodenfreiheit.at seit Langem auf das Problem der Versiegelung fruchtbarer Böden durch Siedlungs- und Straßenbau aufmerksam machen. Derzeit verliert Österreich 22 Hektar Fläche pro Tag – das entspricht dem Grund eines Bauernhofs und aufs Jahr hochgerechnet sind das 6.000 Hektar, die der Fläche von 10.000 Sportplätzen entsprechen.

Ein Umdenken wäre Blum zufolge vor allem deshalb dringend gefordert, weil die Österreicher historisch einen recht lockeren Umgang mit der beschränkten Ressource Boden entwickelt haben. Ganz im Gegenteil zur Schweiz, wie BOKU-Professor Blum erklärt: „Historisch hatte k. u. k Österreich immer Landreserven ohne Ende – bis in die Ukraine und Polen hinein. Über dieses Bodenvermögen verfügen wir aber schon lange nicht mehr.“ In der Schweiz wäre das immer anders gewesen und Boden ein hohes Gut, allein schon der Unabhängigkeit halber. „Bis vor 30 Jahren hat sich die Schweiz autark ernährt. Nach dem Krieg wurde sogar auf nicht mehr genutzten Friedhöfen wieder Landwirtschaft betrieben.“

Von Lebensmittelimporten abhängig ist heute nicht nur die Schweiz, sondern auch die Europäische Union. Virtuell wird damit im großen Stil Boden importiert. „Für die in der Union konsumierten Nahrungsmittel und Produkte wird Landfläche in anderen Weltregionen beansprucht. 60 Prozent der Landfläche, die Europa verbraucht, liegen außerhalb der Union“, heißt es in einem Papier des Ökosozialen Forums.
Was also raten die Experten? Werden wir – wenn Land knapp wird und die Bevölkerung wächst – künftig auch stillgelegte Friedhöfe bewirtschaften müssen? Im übertragenen Sinne: ja. Zumindest wenn es um Industriebrachen, Ruinen und nicht mehr genutzte Bauten geht. „In Wien sollten wir uns die Bodenkarte hernehmen und alle guten Böden – etwa auch das Donaufeld – aus dem Bebauungsplan heraushalten“, so Winfried Blum. „In ganz Österreich gibt es 130.000 Hektar Industriealtflächen, die ohne Weiteres zur Verbauung nutzbar wären.“

Eine Forderung wie „2.000 m2 für jeden!“ klingt revolutionär und nach mehr. Dabei ist sie eigentlich ein Aufruf zur Mäßigung. Können Sie das erklären?

Die 2.000 m2 Ackerfläche beziehen sich auf jene Fläche, die im Schnitt jedem Menschen zusteht, wenn wir die 1,4 Milliarden Hektar weltweites Ackerland durch die Anzahl aller Menschen dividieren. Wenn wir uns ansehen, was darauf wächst, dann sind das zum Großteil nicht Lebensmittel, sondern auch Baumwolle und Früchte für Klamotten und Treibstoff. 2.000 m2 pro Person und nicht mehr wäre als Forderung also tatsächlich eine Aufforderung zur Mäßigung. Wobei ja auch Ihre persönlichen 2.000m2 zu einem guten Teil nicht in Österreich sind. Wenn Sie etwa Schweinespeck essen, dann ist ein Teil davon in Amazonien als Sojabohne gewachsen.

Wie kam denn Ihre Zukunftsstiftung Landwirtschaft auf die Idee, eine virtuelle Rechnung in ein plakatives Projekt wie 2000 m² zu verwandeln?

Ursprünglich wollten wir eine Figur finden, mit der sich alle Europäer in puncto Ernährung identifizieren. Wir haben zwar keine solche Person gefunden, sind aber draufgekommen, dass zu den 2.000 m2 jeder ein Verhältnis aufbauen kann, ganz gleich ob Städter oder Landmensch. Wenn du weißt, dass du selbst 2.000 m2 hast, dann regt das sofort deine Fantasie an. Und das ist auch der Sinn dahinter. Das komplexe Thema Welternährung auf einen Acker runtergebrochen. 2.000 m2 kann man erfassen.

Was konnte denn auf der Fläche bereits geerntet werden?

Wir haben ja die Früchte nach den Verhältnissen der Welt bepflanzt. Wichtig sind also Getreide und Mais. Statt Reis haben wir Hirse angebaut, weil bei uns in Brandenburg natürlich nicht alles wächst, was weltweit geerntet wird. Heuer haben wir auch Soja angebaut, das geht problemlos. Sonst wächst Obst. Wir haben Nuss-, Apfel- und Pflaumenbäume. Heuer gedeihen insgesamt 40 verschiedene Kulturen. Das ist das Maximum, was eine Person noch bestellen kann. Die wunderbare Vielalt der Erde lässt sich nur andeuten.

Jedem Menschen stehen im Schnitt 2.000 m2 fruchtbarer Boden zur Verfügung. Wir Europäer brauchen durchschnittlich von 3.000 m2. Wir importieren also virtuell die Früchte anderer Leute Boden. Auf wessen Kosten geht das? Thematisieren Sie das auch in Berlin?

2.000 m2sind ja nur die Ackerfläche. Dazu kommen noch einmal 4.000 m2 Weidefläche, die da nicht einberechnet sind. Fleisch, das auf Basis von Ölfrüchten und Grasland produziert wird, schlägt da also nicht ins Gewicht – sofern kein Getreide oder Soja verfüttert wird. Heumilch, Wiesenmilch oder Grasfleisch ist was Gutes, solange wir insgesamt weniger pro Nase davon verbrauchen als derzeit in Europa. Der Durchschnitt der Europäer sagt insgesamt nichts über den Einzelnen aus. Ich als Vegetarier brauche einen Bruchteil dessen, was ein Carnivore verbraucht. Weggeworfene Lebensmittel, der eigene Lebensstil, das alles kann jeder einzeln beeinflussen. Der Europäer an sich ist da nur eine statistische Größe. In China kommen etwa nur 1.000 m2 Ackerfläche pro Person, aber bis vor Kurzem war es möglich, sich davon ohne Importe zu ernähren. Insgesamt produzieren wir weltweit heute so viel, dass wir theoretisch 12 Milliarden Menschen ernähren könnten.

Für 2015 haben die Vereinten Nationen das „Jahr der Böden“ ausgerufen. Merken Sie für ihr Projekt dadurch ein verstärktes Interesse?

Es ist nicht so, dass Berlin deshalb bebt, aber wir merken ein verstärktes Interesse im Umweltministerium, im Umweltbundesamt und bekommen insgesamt schönes Feedback. Heuer machen wir auch Bodensafaris auf unseren 2.000 m2 und schauen etwa wie viele Regenwürmer es gibt. Selbst auf unseren sandigen märkischen Ackerböden kommen wir hochgerechnet auf 80.000 Regenwürmer.

www.2000m2.eu/de

Herr der Würmer

Der Biobauer Alfred Grand betreibt Europas einzige Regenwurmfarm. Sein Rat: Investieren Sie in Regenwürmer!

Herr Grand, Sie sind in Europa der einzige Betreiber einer Regenwurmfarm. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit diesen eher ungewöhnlichen Tieren zu arbeiten?

Beruflich bin ich durch die Kompostierung auf den Regenwurm gekommen. Ich habe gelesen, dass der beste Biodünger durch Regenwürmer erzeugt wird. Da dachte ich mir, das möchte ich in Europa etablieren!

 

Wissen Sie wie viele Regenwürmer Sie besitzen?

In der Regenwurmhumusproduktion, der Regenwurmzucht und auf unseren Biofeldern sind es wohl 10 Millionen Tiere. Tendenz stark steigend!

 

Wie hilft der Regenwurm unserem Boden?

Einerseits rein mechanisch: Er gräbt Röhren, dadurch wird der Boden gelockert, Luft und vor allem Regenwasser kann rasch aufgenommen werden. Der Regenwurm sorgt aber auch für die Ernährung des Bodenlebens, erhöht den Humusgehalt, die Stabilität der Ackerkrume und durch die Düngerproduktion ernährt er die Pflanzen, ohne sie zu übersättigen.

 

Mithilfe des Regenwurms schafft man es, ganz auf Mineraldünger und Pestizide zu verzichten. Wie schafft dieses kleine Tier das?

Der Regenwurm produziert nicht nur Dünger, sondern er schafft auch die optimalen Bedingungen für die Pflanzen. Dadurch haben die weniger Stress, werden kaum anfällig für Krankheiten und Schädlinge und können so gesunde und hochwertige Lebensmittel produzieren. In unserer Biolandwirtschaft können wir durch die richtige Fruchtfolge, den Anbau von Winterbegrünungen und mithilfe des Bodenlebens inklusive Regenwürmern ohne den Einsatz von Dünger und Pestizide gesunde Lebensmittel produzieren.

 

Wie kann man im eigenen Garten zum Bodenschutz beitragen?

So wenig wie möglich zubetonieren. Mineraldünger und Pestizide haben im eigenen Garten keine Existenzberechtigung. Mulchen, vielfältig gärtnern und selbst auch kompostieren. Den Spruch eines Investors „Investieren Sie in Boden, es wird keiner mehr gemacht!“ möchte ich ein wenig relativieren: Investieren Sie in die Bodenqualität, die Bodenfruchtbarkeit, den Humusgehalt, das Bodenleben und die Regenwürmer!

 

„Landraub“: Die Kinodoku von Kurt Langbein thematisiert ein gerne verdrängtes Thema.

Für die einen ist es „Landraub“ – im angloamerikanischen Raum auch „Land Grabbing“ genannt. Für die anderen ist es eine sichere Bank – wenn es um die Mehrung des eigenen Vermögens geht. Der Filmemacher Kurt Langbein („Die Akte Aluminium“) porträtiert in seinem neuen Dokumentarfilm die gängige Praxis, sich andernorts Land anzueignen, um vom landwirtschaftlichen Ertrag zu profitieren. Während die einen von Nahrungssicherheit und Welternährung sprechen, berichten die anderen von Vertreibung, Sklaverei und – jedenfalls – Ausbeutung. Österreicher mischen in diesem globalen Business genauso mit wie chinesische Konzerne. Ein bewegender, aufwühlender Film. (Seit 18. September in den österreichischen Kinos, Kinostart in Deutschland: 8. Oktober)

 

Tierversuche – gerne doch!

Was wimmelt in der Erde? Was lebt im Komposthaufen? Das lesen Kinder sinnvollerweise nicht einfach nur nach, sondern erkunden es am besten auf eigene Faust – wie es das „Umweltspürnasen: Aktivbuch Naturgarten“ anregt. Der Klassiker der Ökoliteratur aus den frühen 1990er-Jahren wurde nun komplett aktualisiert und überarbeitet vom Wiener Orac Verlag wieder aufgelegt. Das „Umweltspürnasen: Aktivbuch Naturgarten“ von Ingrid Greisenegger, Klaus Pitter, Karo und Werner Katzmann macht Lust auf Abenteuer im Freien, schmutzige Fingernägel und regt das Genau-Hinschauen an. Eine Empfehlung!

Text: Thomas Weber / Mitarbeit: Michaela Pichler / Fotografie: Alfred Grand|Vermigrand / Illustrationen: www.2000m2.eu