Griffig & Glatt

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr?

Macht diese alte Redewendung denn Sinn und was ist dran an den erschreckenden Meldungen, dass unsere Kinder immer dicker werden und motorisch mit der Generation davor nicht mithalten können?

In einer Zeit, in der uns die digitale Revolution ungeahnte Möglichkeiten der Kommunikation und Wissensvermittlung gebracht hat, gilt vieles, was wir gestern und heute gelernt haben, morgen schon wieder als alter Hut. Die weltweite Vernetzung von Menschen, die sich mit den unterschiedlichsten Wissensgebieten auseinandersetzen, eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten für Information und Diskussion. Wir müssen daher in der Lage sein, eine für uns relevante Auswahl zu treffen. Unsere Verpflichtung besteht wohl darin, unseren Kindern die qualitativ bestmögliche Grundausbildung als Fundament zu ermöglichen und sie zu lehren, zu lernen. Gilt daher nicht eher: Was wir als Hänschen versäumt haben, müssen wir später als Hans schleunigst nachholen?

Im Gespräch mit Ernährungswissenschaftlerin Christina Lachkovics-Budschedl und Prof. Hans Holdhaus, Direktor des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung – Olympiazentrum Südstadt, erklären beide unisono: „Kinder sind Nachahmer.“ Erlerntes, Erprobtes und Erfahrungen aus unserer Kindheit spielen eine bedeutende Rolle.

 

Essen will gelernt sein

Wissenschaftlich nachgewiesen wurde, dass bereits im frühkindlichen Alter das Essverhalten nachhaltig beeinflusst wird. Wie und was wir essen, hat einen zutiefst emotionalen Ursprung. Unser Geschmack wird von klein auf konditioniert, mit Gefühlen verknüpft und vom Verhalten und von den Gewohnheiten des Elternhauses geprägt.

Essen ist nicht nur Energieaufnahme, sondern bedeutet auch Lust und Genuss: Spaß bei der Auswahl schon beim Einkauf, gemeinsames Kochen, ein schön gedeckter Tisch und danach gemeinsam essen, Geschichten erzählen oder sich über Erlebtes austauschen.

Aus Zeitmangel muss heute alles möglichst schnell, effizient und arbeitsteilig vonstattengehen. Ist das der Grund dafür, dass unsere Kinder „verlernt“ haben, ein gesundes Essverhalten zu entwickeln? Der Griff zu Fertigprodukten, die blitzschnell von der Mikrowelle auf den Teller wandern, ist damit bereits vorprogrammiert.

 

Nach einer österreichweiten Feldstudie im Jahr 2014 sind bereits rund 20 Prozent der Buben und 18 Prozent der Mädchen im Alter zwischen 6 und 14 Jahren übergewichtig oder adipös.

 

Das heißt: jedes vierte Kind in Österreich ist zu dick. Kinder haben normalerweise ein gut funktionierendes Regulierungssystem von Hunger- und Sättigungsgefühl. Essen als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen sendet falsche Signale, da damit die natürliche Regulation von Hunger und Sättigungsgefühl ausgetrickst wird. Falsch erlerntes Essverhalten setzt dieses Gleichgewicht außer Kraft und lässt die Diskrepanz zwischen dem gesunden Maß und dem tatsächlichen Konsums wachsen.
Christina Lachkovics-Budschedl, Initiatorin von Good Food for Kids: „Das Ernährungsproblem unserer Kinder besteht leider schon sehr lange und wie es scheint, ist es nicht in den Griff zu bekommen. Es scheitert wohl nicht nur am Präventionsangebot sondern am Lebensmittelüberangebot. Das „Schlaraffenland“ wurde bei uns zur Realität und hat seine Wurzeln bereits im einprogrammierten Fehldenken und Fehlverhalten der Eltern. Die aktuelle Elterngeneration ist die erste, die von einer großen Flut an Informationen überrollt wurde. Aber was fängt man einerseits mit Informationen an, die sich permanent ändern und andererseits nur von jenen Eltern aufgenommen werden, die bereits auf eine sinnvolle Ernährung ihrer Kinder achten?

 

Gesunde Ernährung reduziert sich nicht einfach nur auf die richtige Lebensmittelauswahl.

Viel wichtiger ist es, den Kindern, aber auch den Erwachsenen regelmäßiges Essverhalten wieder beizubringen. Neben der starken Verunsicherung durch zu viel „Expertise“ aus sämtlichen, auch nicht qualifizierten Bereichen sind die heutigen Grundprobleme der Ernährung:

  • Keine Frühstückskultur für viele Schüler und auch deren Eltern
  • Die gemeinsame Hauptmahlzeit ist zumeist abends, mit all ihren negativen Auswirkungen: Der Schlaf bringt nicht die nötige Erholung, es kommt zu verstärkter Fetteinlagerung und die Lust aufs Frühstück am nächsten Morgen sinkt.
  • Teilweise unberechtigte Kritik an der Gemeinschaftsverpflegung, die die Unlust der Kinder am Mittagessen in Kindergarten und Schule verstärkt

 

Es ist wirklich wichtig, dass die Schüler und auch die Eltern begreifen, dass gerade die Mittagsversorgung von großer Bedeutung ist.

Natürlich ist auf die Auswahl und Ausgewogenheit der Speisen zu achten, aber viel wichtiger ist es tatsächlich, dass die Kinder lernen diese Mahlzeit zu ritualisieren, zu akzeptieren und auch wahrzunehmen. Dass die Akzeptanz der Speisen nicht sehr hoch ist, liegt teilweise an den Eltern, die oft große Kritik üben und so ihre Kinder so negativ bestärken. Sämtliche Anbieter in der Gemeinschaftsverpflegung unterliegen strengen Richtlinien und daher ist davon auszugehen, dass die Speisen in Ordnung sind. Wenn das Gemüse zu lange gekocht oder warmgehalten wird, und dadurch der Vitamingehalt reduziert wird, ist dies noch lange kein Grund zur Sorge, wenn man als Eltern die vielen anderen Mahlzeiten sinnvoll gestaltet. Und wer Kinder hat, weiß, dass es in Wirklichkeit unmöglich ist jeden Tag so zu kochen, dass das Kind erfreut darüber ist. Das Resultat der Kritik und auch der schlechten Akzeptanz der Gemeinschaftsverpflegung ist meist ein „angepasster“ Menüplan, der ernährungsphysiologisch zwar nicht bedenklich, jedoch auch nicht ideal ist. Pizza, gebratene Würste, Süßspeisen und einfache Nudelgerichte wechseln sich meist ab. Und während die Kinder dann zwar „lieber“ essen, sind die Eltern weiterhin aufgerüttelt.

Man muss sich in der Mitte treffen: Sowohl Eltern, Lehrer und Kinder als auch Caterer müssen lernen, einander zu schätzen und zu respektieren. Die Eltern haben die größte Verantwortung in der Ernährung ihrer Kinder und es liegt keinesfalls nur am Mittagessen. Wochenenden, Feiertage, Ferien, Frühstücks- und Abendmahlzeiten bieten Eltern viele Möglichkeiten der Ernährungserziehung. Die Gemeinschaftsverpflegung bietet eine Unterstützung, die man als solche sehen und annehmen sollte.

 

Kindergarten- und Schulcaterer Adolf Gold von Goldmenü:

„Frischgekochtes aus der hauseigenen Küche im Kindergarten scheitert letztendlich meist an den Kosten und den zu Recht von den Gesundheitsbehörden festgelegten hygienischen Grundvoraussetzungen. In vielen Schulen gibt es ein Platzproblem, denn ob das Essen schmeckt oder nicht, hängt ja nicht nur von der Qualität der Speisen ab, sondern auch wo und unter welchem Zeitdruck gegessen wird. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Vorbehalte der Eltern gegenüber der Gemeinschaftsverpflegung aus dem Weg geräumt werden können, wenn die Schulleitung bereit ist, mit uns gemeinsam die Eltern zu einem Probeessen einzuladen. Dabei können Wünsche und Anregungen besprochen werden und wenn’s machbar ist, setzen wir das auch um.“

Was ist nun die „richtige“ Ernährung für Kinder, um ihnen den besten Start ins Leben zu ermöglichen?

Abwechslungsreich sollte sie sein und die Möglichkeit bieten, Neues auszuprobieren. Die Basis dafür sind reichlich pflanzliche Lebensmittel vor allem in Form von Gemüse, Salat, Obst und Getreideprodukten. Vollkorn mit seinem Reichtum an Mineral- und Ballaststoffen ist fein vermahlen eine gute Wahl, um kleinen Feinschmeckern den Einstieg ins volle Korn zu erleichtern. Frisches buntes Gemüse und Kräuter, appetitlich arrangiert und noch dazu selbst ausgewählt – wer kann da noch widerstehen? Salate, mit wertvollen pflanzlichen Ölen angerichtet, sind ein gesunder Genuss. Eiweißlieferanten wie Milch, Milchprodukte ohne bzw. mit niedrigem Zuckergehalt, Hülsenfrüchte, Fisch und Fleisch ergänzen die Ernährung sinnvoll. Fettreiche Lebensmittel und Süßspeisen sollten sparsam auf den Teller kommen. Falls ein angebotenes Gericht oder Lebensmittel nicht schmeckt, lohnt es sich oftmals, es zu einem späteren Zeitpunkt nochmals anzubieten, denn Geschmack und Präferenzen verändern sich. Ja, und nicht zu vergessen: Die Portionen sollten kindergerecht sein. Die Energie, die dem Körper zur Verfügung gestellt wird, soll auch wieder umgesetzt werden. Zu guter Letzt: Alles ist im Fluss. Mit Wasser, ungesüßten Tees und verdünnten Fruchtsäften wird der Durst am besten gestillt.

Prof. Hans Holdhaus lässt falsche Ernährung als alleinigen Grund für Übergewicht und Fettleibigkeit nicht gelten.

„Die beste und gesündeste Ernährung hilft nichts, wenn Kinder ihren Körper nicht beherrschen können und sich nicht bewegen.“

Kleinkinder halten uns auf Trab. Schränken wir den Forschungs- und Bewegungsdrang der Kinder nicht aus Übervorsicht und vor allem Bequemlichkeit allzu sehr ein? Nachgewiesenermaßen verbringen österreichische Kinder rund 4,9 Stunden an Schultagen und 7,1 Stunden an schulfreien Tagen sitzend entweder vor dem Fernseher oder vor dem Computer.

 

Vorleben, statt nur drüber zu reden! In unserem Haus essen auch die Kindergartenpädagoginnen das gleiche Menü.Kindergartenleiterin

„Der vom IMSB mit Unterstützung der gemeinnützigen Privatstiftung „Wissen macht gesund“ durchgeführte Talentetag 2014 war eine tolle Veranstaltung. 23 Klassen, also insgesamt 385 SchülerInnen, stellten sich einem Test und gaben so einen Einblick in das Entwicklungsniveau wichtiger sportmotorischer und koordinativer Komponenten. Erfreulich, dass dabei das eine oder andere Sporttalent entdeckt werden konnte, traurig aber leider auch, dass es viele Schüler mit gravierenden Schwächen in der körperlichen Ausbildung gab. Schwächen, die sich nicht nur im Sport bemerkbar machen, sondern vor allem im täglichen Leben. Hier gibt es großen Handlungsbedarf – im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule. Kindern wird ihr Drang zur Bewegung abgewöhnt. Sie können sich niemals zu viel bewegen, denn Überlastung lässt die Natur gar nicht zu und wenn Kinder nicht natürlich lernen, mit der vermeintlichen Verletzungsgefahr umzugehen, ist die Angst davor viel eher begründet. Verletzungen passieren erst recht dann, wenn Kinder nicht gelernt haben, wie man fällt. Überdies bescheren Bewegungsarmut und Übergewicht im Kindesalter nicht nur den Erwachsengewordenen Gesundheitsprobleme. Notorische Koordinationsschwächen, gesundheitliche Schäden schon im Kindesalter, Angst vor Bewegung, Übergewicht und Haltungsschäden sind die Folge. Mangelnde Bewegung hat eine Vielzahl an negativen Auswirkungen auf den Körper: Die Wahrscheinlichkeit einer chronischen Erkrankung wie Diabetes Typ 2, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einiger Krebsarten wie auch psychischer Folgen wie Depressionen steigt. Wir benötigen Bewegung, um gesund und vital zu bleiben.“

Engagement, Courage in der Kommunikation mit Kindergarten- und Schulleitung, genaues Hinschauen, Nachfragen und Einsetzen für ausgewogene Menüpläne und ein abwechslungsreiches, ausreichendes Sportangebot sind gefragt. Und haben Sie keine Angst, wenn Ihr Kind in der Pubertät schlechte Angewohnheiten entwickeln sollte. Spätestens nach Abschluss dieser schwierigen Phase wird es sich, sofern es auf gute Erfahrungen zurückgreifen kann, auf die „guten alten“ Gewohnheiten besinnen.

Good Food for Kids – eine zehnjährige Erfolgsgeschichte

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Ernährungswissenschaftlerin Christina Lachkovics-Budschedl in Kooperation mit Ströck und mit der Unterstützung des Wiener Stadtschulrats wurde die Initiative Good Food for Kids bereits 2005 ins Leben gerufen. Seither konnten 1.500 Schulklassen von einem Team von Ernährungswissenschaftlern betreut werden. 2006 wurde dieses Projekt, das einen Beitrag zur Prävention von Übergewicht und ernährungsabhängigen Krankheitenleisten soll, mit dem Gesundheitspreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Spielerisch erlernen Volksschulkinder in Workshops, wie wichtig ausgewogenes Essen und Trinken für sie sind. Die Themen „Frühstück“, „Jause“, „Gemüse und Obst“ wie auch „Trinken“ und „Süßigkeiten“ werden dabei unter Anleitung von Ernährungswissenschaftlern und unter Mitarbeit der Klassenlehrer „bewegt“ mit viel Spaß am Tun erarbeitet und „erkostet“.

Zum Kosten anbieten, und zwar immer wieder!Ernährungspsychologe

Volksschulklassen können sich ganz einfach zu einem dieser Workshops anmelden. Information und Anmeldung unter www.fit10.at.

Unis sind initiativ

Kochen und Forschergeist – International Young Physicists’ Tournament

Im Rahmen der kinderunikunst wurde heuer in der ersten Ferienwoche ein Hauptaugenmerk auf die kreative Vielfalt des Kochens gelegt. Mädchen und Buben hatten in Workshops die Möglichkeit das Kochen und appetitliche Arrangieren zu entdecken und dabei Gemüse, Kräuter und Co kennenzulernen. Gemeinsam mit Christopher Schramek, dem Küchenchef des Ströck Feierabend, und dem von Ströck gesponserten jungen österreichischen Team bei den Physik-Weltmeisterschaften konnten sie im Ströck Bio-Feierabend-Garten Gemüse beim Wachsen beobachten, kosten und ernten. Christopher führte durch den Garten, erklärte die unterschiedlichsten Gemüse- und Obstsorten und gab Tipps für die gesunde Jause. Interessiert und eifrig tauschten sich die 10- bis 13-jährigen „Kochlehrlinge“ angeregt mit den „Jungphysikern“ (Schülerinnen und Schülern zwischen 15 und 18 Jahren) aus. Die Themen reichten von gesundem Essen und Trinken bis zu den gefinkelten Aufgabenstellungen bei der Physik-Weltmeisterschaft, die einmal jährlich stattfindet und heuer in Thailand ausgetragen wurde. Neugierde, Fragen stellen und nach Lösungen zu suchen, eint die Forschung und die Koch„Kunst“.

 

Gärtnern – Kochen – Kunst

Am nächsten Tag kreierten die Jungköche der kinderunikunst, angeregt durch eine inspirative Führung durch das Museum Hundertwasser und auf den Spuren von Friedensreich Hundertwassers Kräutergarten, ihr Gärtnerbrot. Christopher brachte das am Vortag geerntete Biogemüse und die Biokräuter mit und stand mit Rat und Tat zur Seite. Das ganz Besondere daran war, dass das gemeinsame Kochen und Essen in der Wohnung des großen Meisters und Vordenkers in Umweltfragen stattfanden.

Stimmt schon, gemeinsam mit den Kindern zu kochen kann ganz schön nervenaufreibend sein. Mit ein wenig Kreativität, Umsicht und Geduld lernen sie spielerisch den Einsatz von wertvollen Lebensmitteln wie auch von Messer, Gabel und Co. Gerade bei den Ernährungsgewohnheiten und dem Körpertraining hat der alte Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“ doch seine Richtigkeit.