Griffig & Glatt

Respekt

Der Melkschemel – aus dem Lärchenholz gleich hinter dem eigenen Schacherl selbst gezimmert – war bereits recht wackelig und abgewetzt, der Stall dunkel, ja geradezu finster, und von den Jahrzehnten der Viehhaltung auch entsprechend schmutzig. Auch Fliegen und deren Häscher, die fleißigen Schwalben, fühlten sich wohl. Doch es war der Stall unserer Kühe und auch unserer Hendl. 
Die Tiere schienen sich wohlzufühlen bei wenig Licht, aber genügend Futter. Und ohnehin wurden sie täglich auf die Wiese vorm Bauernhaus oder gar auf die Waldlichtung getrieben, um dort die Kräuter des Nordens gehörig wiederzukäuen. Abends trottete die Bäuerin – meine Urgroßmutter – dann wieder mit ihrem Reichtum, den Rosas, Resis und Bertas, zurück in den Stall. Und alles war gut. Denn die Milch floss reichlich, wenn auch nicht in Strömen aus den Eutern des braven Waldviertler Blondviehs.

Einem Lebensmittelinspektor oder amtlichen Agrarkontrolleur der heutigen Zeit hätte diese Stall-, Feld- und Bauernhofidylle insgesamt wohl nicht standgehalten. Doch damals in den Nachkriegsjahrzehnten gab es weder AMA noch Förderungen oder Prämien. Das Bauernleben war hart, doch fügten sich die Ahnen und der von ihnen gehütete Viehbestand einem Schicksal, das den guten Leuten von Gott selbst auferlegt schien.

Ein Bauer hatte damals zwar seinen gesellschaftlichen Stand im Dorfleben – erkennbar nicht zuletzt auch am Stammtisch, den er sich mit Tierarzt, Pfarrer und Bürgermeister teilen durfte –, bisweilen wurde er aber doch als einfältig abgestempelt. Selbst wenn er frisch dem Zuber entstiegen war, haftete ihm ein gewisser Stallmief an, der freilich nur imaginär in den Nasen festsaß. Freilich: Auch damals waren die Landwirte bereits tüchtige Manager, welche die Quadratur des Kreises schafften, selbst mit kleinster Grund- und Stallfläche in kargsten Zeiten eine oft mehrköpfige Familie samt Teile der Bevölkerung mit wertvollen Lebensmitteln zu versorgen, sprich effizient den Hunger zu bekämpfen. Das gelang nicht immer, aber meistens. Urlaub: ein Fremdwort, denn im ewigen Schöpfungskreislauf des Säens, Erntens und Vergehens in der Natur gab es weder Rast noch Ruh und schon gar keine langen Feierabende. Freilich: Ehre und Achtung wurden dem Bauernstand schon seit Anbeginn der Zeiten zuteil. Denn effizient wurden die Ressourcen der Natur genutzt, um ganzen Völkerschaften das tägliche Brot zu sichern.

Unter den Erwerbsquellen ist keine so edel, so ergiebig, so lieblich und so ehrenvoll für den freien Mann als die Landwirtschaft

… hatte bereits vor rund 2100 Jahren Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.), römischer Politiker, Anwalt, Schriftsteller, Konsul, Philosoph und der wohl berühmteste Redner Roms, die eminente Wichtigkeit, aber auch den humanitären Wert dieses Stands erkannt. Über die Jahrhunderte änderte sich nicht die Wertigkeit, jedoch die Besitzverhältnisse und die Abhängigkeiten waren unterschiedlich – je nach Region und Zeitgeist. Es gab die freien, wehrpflichtigen Bauern, die das Recht hatten, Waffen zu tragen, der überwiegende Teil der in der Landwirtschaft tätigen Menschen aber war unfrei. Auch trug die erbliche Teilung größerer Wirtschaften dazu bei, dass die immer kleinere Flächen bewirtschaftenden Bauern verarmten. So gerieten sie in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von adeligen und geistlichen Herren.

Wer pflügt und erntet, sollte damit rechnen können, selbst einen Teil vom Ertrag zu bekommen. (Aus dem 1. Korintherbrief des Apostels Paulus)

Die Grundherrschaften waren der König, die Kirche und der übrige Adel. Auf deren Grund und Boden gab es zwei unterschiedliche Wirtschaftsbereiche: das „Salland“ oder Herrenland und das Leihe- oder Hufenland. Ob dieser Zustände begann es im Bauernstand zu gären. So fanden im 14. Jahrhundert vier bäuerliche Erhebungen größeren Ausmaßes und im 15. Jahrhunderts 25 bäuerliche Revolten statt!

Sorge dich nicht um die Ernte, sondern um die richtige Bestellung der Felder. (Konfuzius, 551–479 v. Chr.)

Vieles, was bäuerlichen Ahnen an Mühsal und Plag auf sich nehmen mussten, fand Niederschlag in Heimatromanen oder auch sozialkritischen Schriften. Und wer damals über die Schwelle der kleinen Keusche meiner Urgroßeltern schritt, wäre unversehens in die Vergangenheit des Pflügens mit Ochs und Co. katapultiert worden. Genau über diese beschwerliche Lebensweise und das ärmliche Leben der Bauern, speziell in den Gebirgslandschaften, berichtet eindrucksvoll Peter Rosegger in seinen berührenden Erzählungen über das Leben als Waldbauernbub. Auch noch im 20. Jahrhundert war die Arbeit am Land mühselig und bedurfte speziell zur Erntezeit vieler helfender Hände. Mit dem Fortschreiten der Technik begann zuerst langsam, nach dem Zweiten Weltkrieg aber immer schneller die Maschinenlandwirtschaft. War es zuerst nur der Traktor, der anfänglich als Schlepper und später mit seinen Zusatzgeräten die Arbeit leichter und einfacher machte, so wurde mit den Mähdreschern und anderen großen Erntemaschinen die großflächige Bearbeitung der Ackerflächen einfacher, vernichtete dabei aber unzählige Arbeitsplätze.

Nicht nur der Ackerbau wurde technisiert, auch die Tierhaltung hat sich in den letzten Jahrzehnten in Richtung mechanisierter Industrie revolutioniert. War noch vor 50 Jahren ein Bauer mit 15 Kühen und womöglich dem Gemeindestier ein großer, so werden in den „modernen“ Mastbetrieben Hunderte, ja Tausende Tiere gehalten. Milchproduktion zahlt sich nur mehr in Hektolitern aus, wenn sie sich rechnen soll. Schweine und Hühner werden zu Hunderten und Tausenden in automatisch „betreuten“ Boxen und Käfigen gehalten, damit die weltweit konkurrierende Lebensmittelindustrie weiter wachsen kann. Auf der Strecke bleiben unsere Bauern, die von den niedrigen Preisen geradezu erdrückt werden und das Sterben des ländlichen Raums beschleunigen.

Das Hinterwäldlerische, der typische Stallgeruch sind Opfer des Zeitgeists und der Industrialisierung geworden. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir in Österreich 60 Prozent der bäuerlichen Familienbetriebe verloren. Jährlich geben rund 2300 Bauern auf. Eine mehr als absurde Situation, wenn man bedenkt, dass wir angesichts der wachsenden Bevölkerung immer mehr Nahrungsmittel benötigen würden. Die sinkenden Preise für landwirtschaftliche Produkte sind der Hauptgrund für das Abwenden von der selbstständigen, freien Arbeit, um sich der Abhängigkeit eines heutzutage wenig sicheren Arbeitsplatzes in Industrie oder Handel zu unterwerfen. Dabei schätzen Bauern ihren Beruf über alles – die Naturnähe, das Arbeiten im eigenen Umfeld und die Selbstversorgung mit eigenem gesundem Essen.

„Ich bin stolzer Waldbauer. Und mein Sohn Sebastian ist es auch schon. Wir lassen uns nicht unterkriegen“, gibt sich der Bauer Franz Fischer aus Raabs an der Thaya im hohen Norden Niederösterreichs kämpferisch. Den Melkschemel seines Opas hat er erst vor Kurzem wieder aus dem hintersten Stalleck hervorgeholt und ihm einen Ehrenplatz gleich neben dem schönen, großen New-Holland-Traktor gegeben. Wiewohl, Kühe gibt es keine mehr auf dem Hof der Fischers. Wohl aber dienen die Heimatforste als Erwerbsquelle und auf den Feldern wogen in goldgelber Reife Hafer, Roggen und Weizen. „Überleben ist möglich, wenn man seinen eigenen Weg geht und bereit ist, Opfer zu bringen. Und tagein, tagaus, frühmorgens und abends – so es noch Kühe im Stall gibt – das Ritual des Melkens auf sich nimmt“, versichert Fischer und verweist auf seine tüchtigen Nachbarn. Sohn Sebastian ist enthusiastisch bereit, den Weg zu gehen.  

Es gibt sie also noch: die jungen, enthusiastischen und naturbezogenen Bauernsöhne, die sich in den Landwirtschaftsschulen das moderne Wissen holen, um es dann im Familienbetrieb in die Praxis umzusetzen. Als Paradebeispiel mag der junge Florian Karner aus dem kleine Ort Ederding nahe Herzogenburg im Bezirk St. Pölten gelten. Schon als kleiner Bub half er seinem Vater Toni bei der Feldarbeit. „Am liebsten beim Traktorfahren“, wie der Bursche heute schmunzelnd hinzufügt. Später dann fuhr er an den Markttagen mit nach St. Pölten, um die hofeigenen Produkte wie Brot, Mehlspeisen, Eier, Nudeln sowie Obst und Gemüse wohlfeil zu bieten. Den agrarischen Schliff, das Wissen, das allerdings niemals das Herz für selbstbewusstes Bauerntum und die Liebe zur Natur ersetzen kann, holte sich Florian in der Landwirtschaftsschule im nahen Phyra. Sein Spezialgebiet ist der Gemüseanbau. Seine prachtvollen Paradeiser unterschiedlichster Sorten, Paprika, Fisolen und Erdäpfel am Domplatz wohlfeil geboten, finden reißenden Absatz – und tragen ganz wesentlich zum Familieneinkommen bei.

Herr Karner senior hat allerdings die Zeichen der Zeit schon vor Jahren erkannt, eigene Produkte selbst zu vermarkten und sich damit die Unabhängigkeit zu bewahren, die den freien Bauernstand erstrebenswert macht. In fünf Jahren wird er den Betrieb seinem Sohn überschreiben, damit dieser nicht „ewig“ auf seinen Hof warten muss. Das ist aber auch das Schlüsselwort: die rechtzeitige Hofübergabe! Denn sie sichert ab, dass neue Ideen, angepasst an die neuen Ernährungstrends, von nachrückenden Generationen erkannt und umgesetzt werden können. Die bäuerlichen Ahnen hatten diese Perspektiven allerdings nicht. Denn die Vermarktung erstreckte sich auf das tägliche Milchholen derer aus dem Dorf. „Wir hatten gerade genug, um selbst nicht hungern zu müssen“, sei die Urgroßmutter des Autors dieser Zeilen aus Erzählungen am Lagerfeuer, bei der die späten, bei der Ernte liegen gebliebenen Erdäpfel gebraten wurden, zitiert – meist an nebeligen Herbsttagen, die zugegebenermaßen schwer aufs Gemüt drückten. Und dennoch ließ die Wärme des glosenden Holzes die Herzen näher zusammenrücken. Bauerntum at its best! Heute ist die Direktvermarktung wohl eines der wichtigsten Standbeine in der Landwirtschaft der Zukunft. Immer mehr Konsumenten zieht es direkt zu den Produzenten. Authentizität, Naturnähe und vor allem das Wissen um die Herkunft sind den Menschen immer wichtiger.

„All die Berichte über die Auswüchse in der Lebensmittelindustrie vergrämen die Konsumenten. Auch wenn die allerwenigsten Landwirte etwas dafür können“, bedauert Franz Fischer. Seine Hoffnung, von der aber auch das Überleben der klein strukturierten Landwirtschaft in der Bergheimat abhängt: dass in noch mehr Bauern die Überzeugung wächst, noch gesündere und naturnähere Lebensmittel zu produzieren. Denn nur das kann ein festes Standbein für unsere Bauern und ein ökologischer Gegenpol zur Massenproduktion von anonymen Firmen, die Preise diktieren und Abhängigkeiten schaffen, sein.

Immer schon „bio“ war allerdings, was die Kleinhäusler im Waldviertel und sonst wo erzeugten. Wenn es auch nicht schillernde Gütesiegel dafür gab. Denn Kunstdünger war teuer, Pestizide kaum zu erhalten und auch nicht state of the art. Alles wurde natürlich – und direkt vom Melkschemel und Stall weg – produziert.

 „Bio ist aber mehr als nur der Verzicht auf Chemie“, wirft mein kluger Freund und Ökoagrarexperte Wilfried Oschischnigg ein. „Biologische Landwirtschaft heißt, möglichst in geschlossenen Kreisläufen zu arbeiten. Alles, was am Hof anfällt, hat seinen Nutzen. Wer ,bio’ wirklich verinnerlicht hat, wird etwa Kompost erzeugen, Mist, Jauche und Gülle als Wirtschaftsdünger verwenden oder Leguminosen zur Stickstoffbindung im Boden anbauen. Und die vielfältige Fruchtfolge, der Einsatz von Nützlingen, die schonende Bodenbearbeitung und die drastische Reduktion des Antibiotikaeinsatzes sorgen für ein ökologisches Gleichgewicht auf Feldern und in der Tiergesundheit.“ Unsere Urgroßmütter und -väter haben’s nicht anders gemacht! Kunstdünger, dessen Herstellung sehr energieintensiv ist, zu verwenden ist verboten.

Ganzheitliches und vernetztes Denken, ebenso ein möglichst geschlossener Betriebskreislauf mit vielfältiger Struktur galten unbewusst als Basis und Voraussetzung für erfolgreiche Landwirtschaft. Unsere natürlichen Ressourcen Boden und Wasser wurden geschont und konnten den künftigen Generationen mit gutem Gewissen weitergegeben werden. Alles schon da gewesen, also damals im Waldviertel. Damals halt freiwillig, heute als Verpflichtung, um als Ökolandwirt zertifiziert zu werden.

Kurze Wege vom Produzenten zum Konsumenten und Direktübernahme des Wertvollen durch Familienbetriebe, die oft seit Jahrhunderten im Familienbesitz bewirtschaftet werden, sind definitiv für die Zukunft dieser Erde bestimmend.

„Heutzutage werden landwirtschaftliche Erzeugnisse quer durch die Welt transportiert. Im Zeichen des Klimawandels ein ökologischer Wahnsinn“, flüstert mir meine Großmutter aus dem ewigen Osten zu. Ihren Hof und den ihrer Mutter gibt es nicht mehr. Längst mussten Kleinstanwesen wie dieses der industrialisierten Landwirtschaft weichen. Ein unheilvoller Trend, der sich mit geradezu atemberaubender Rasanz fortsetzt. Denn täglich werden fruchtbare Flächen in der Größe von zehn Fußballfeldern zubetoniert. Mit jedem verlorenen Acker aber wird unsere Nahrungssouveränität kleiner.   

„Bauernhöfe sind jahrhundertealtes Kulturgut, sie müssen im Sinne unserer Identität bewahrt werden“, appelliert auch der Biowinzer Hans Diwald aus Großriedenthal am Wagram. Auch im Sinne seines tüchtigen Sohns. Leichter wird es weder für ihn noch die nachfolgenden Generationen an Bauern, denn der Stundenlohn ist in den letzten Jahren auf bis zu drei Euro gesunken. „Keine Putzfrau würde für diesen Hungerlohn arbeiten“, zeigt Oschischnigg auf. Es könne doch nicht sein, dass nur Betriebe überleben können, die in Größe und Ausstattung einer Tier- und Pflanzenfabrik gleichzusetzen sind und nicht einem unserer Kultur entsprechenden Familienbetrieb. „Small ist gut. Denn wir können wohl kaum mit Landwirtschaftsgiganten in Übersee in Konkurrenz treten, denen die Umwelt nichts bedeutet und nur der Profit wichtig ist. Unser Land, ja die ganze EU braucht echte Bauern und keine Landwirtschaftsbetriebe mit Salesmanagern“, betont der Fischer Franz. Ihm wie auch Anton Karner haben die aufrechte Haltung, das ehrliche Produzieren wertvoller Lebensmittel größten Respekt in der Bevölkerung eingebracht. Das Bild hat sich also gewandelt! Der Bauernstand genießt großes gesellschaftliches Ansehen. Und er hat sich eigene Überlebensmodelle geschaffen: gemeinsame, fantasievolle Vermarktung in Hofläden sowie das Suchen und Finden rot-weiß-roter Abnehmer in der Nahrungsmittelbranche. Tunlichst regional!

Gemeinsam Flagge und Stärke zeigen – meine Urgroßmutter nannte das bäuerliche Nachbarschaftshilfe. Was der eine Bauer nicht produzieren konnte, hatte der andere auf Vorrat. Was die eine Landwirtin brauchte, hatte vielleicht die andere. Small war und ist beautiful. Mit oder ohne Urlaub von Stall und Melkschemel.

Text: Mark Perry