Griffig & Glatt

Palmöl

Palmöl ist ein großartiges Produkt. Es ist derart vielseitig, dass Menschen daraus so unterschiedliche Erzeugnisse wie Seife, Margarine und Treibstoff machen können. Es lässt sich in sehr großen Mengen sehr günstig produzieren und ist ein nachwachsendes Naturprodukt. Es ist geschmacksneutral und nach allem, was wir wissen, gesünder als sehr viele andere Fette. Und es bietet Menschen die Chance, Geld zu verdienen, in Gegenden, die oft wirtschaftlich eher benachteiligt sind. Das ist die eine Seite.



Palmöl ist ein furchtbares Produkt. Der Ölpalmenanbau ist einer der Haupttreiber des Klimawandels, weil dabei enorme Mengen an Treibhausgasen freigesetzt werden. Für Palmölplantagen werden wertvolle Ökosysteme zerstört. Der WWF bezeichnet sie als „die größte Bedrohung zahlreicher gefährdeter Groß-Säugetierarten, etwa Tiger, Elefanten, Nashörner und Orang-Utans“. Und die Menschen, die auf diesen Plantagen arbeiten, leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen, niedriger Bezahlung und Chemikalieneinsatz. Das ist die andere Seite.

Wer sich mit Palmöl beschäftigt, merkt zwei Dinge schnell: Erstens ist das Produkt nicht nur gut oder nur böse; es ist sehr kompliziert. Und zweitens: Palmöl ist so allgegenwärtig, dass es illusorisch ist, zu versuchen, darauf ganz zu verzichten. Schätzungen zufolge steckt es in jedem zweiten Produkt im Supermarkt. Die Bäckerei ist dafür ein gutes Beispiel: Aus Backmargarine ist Palmöl kaum wegzudenken und auch in Schokolade und Glasuren wird es verwendet. Es ist plastisch, macht den Teig leichter formbar und hilft, ihn besser mit Maschinen verarbeiten zu können. Die Bäckerei Ströck etwa verwendet derzeit mehrere Tonnen pro Jahr, vor allem in Margarine. „Wir verzichten darauf, wo es geht, aber in manchen Fällen finden wir keinen Ersatz“, sagt Juniorchef Philipp Ströck.

Palmöl wird hauptsächlich aus den Früchten der afrikanischen Ölpalme (Elaeis guineensis) gewonnen – eine Palmart, die, wie der Name vermuten lässt, ursprünglich aus Guinea in Südwestafrika stammt. Wohl mit britischen Händlern und Plantagenbesitzern gelangte die Palme im 18. Jahrhundert nach Südostasien. Heute wird der allergrößte Teil – über 90 Prozent – des weltweiten Palmöls in Malaysia und Indonesien hergestellt. Bereits die alten Ägypter dürften Palmöl verwendet haben: Die ältesten Spuren von Palmölkonsum sind rund 5000 Jahre alt. Die steile Karriere des Palmöls aber begann erst in den 1970er-Jahren.

In den vergangenen 50 Jahren ist die weltweite Nachfrage nach Pflanzenölen aus mehreren Gründen stark gestiegen: Die Welt ist reicher geworden, Menschen essen generell mehr Fett. In westlichen Ländern sind zudem tierische Fette aus der Mode gekommen. Der Fleischkonsum in Schwellenländern hat indessen stark zugenommen, weswegen mehr Pflanzenöl für Futtermittel benötigt wird. Und der Ölpreisschock sorgte dafür, dass verstärkt nach Alternativen gesucht wurde. Der Moment der Ölpalme war gekommen.

Palmöl hat drei riesige Vorteile: seine Konsistenz, sein Preis und der hohe Ertrag. Elaeis guineensis ist enorm produktiv. Pro Hektar und Jahr können im Schnitt 3,7 Tonnen Öl gewonnen werden. Das ist zehnmal so viel wie bei Soja und fünfmal so viel wie bei Raps. So kann etwa allein Malaysia dank Palmöl bereits etwa elf Prozent des gesamten weltweiten Pflanzenölbedarfs decken – mit weniger als zwei Prozent der weltweiten Anbaufläche für Ölfrüchte. Weil sie in den Tropen angebaut wird, läuft die Produktion verlässlich und ganzjährig. Wegen der kleineren Fläche werden weniger Kraftstoffe für Maschinen oder Pestizide benötigt. Palmöl ist damit auf dem Weltmarkt bis zu einem Drittel günstiger als andere Pflanzenöle.

Dank seiner Zusammensetzung – es enthält ungefähr je 50 Prozent gesättigte und ungesättigte Fettsäuren – ist es „natürlich halbfest“, wie Experten sagen. Es ist bei europäischer Raumtemperatur streichfähig. Im Gegensatz zu anderen Pflanzenfetten wie Raps- oder Sojaöl muss es daher nicht künstlich gehärtet werden. Weil bei der künstlichen Härtung ungesunde Transfette entstehen, ist es das Fett der Wahl für die Margarine- oder Nutella-Produktion. Gleichzeitig ist es dank seiner chemischen Eigenschaften perfekt für diverse Industrieprodukte: Es ist die Basis für die meisten Flüssigwaschmittel, Seifen und Shampoos. Es wird zum Frittieren verwendet, als Schmiermittel und als Bio-Kraftstoff. Weltweit werden etwa 68 Prozent für Lebens- und Futtermittel verwendet, 27 Prozent für Kosmetik und Industrieprodukte und fünf Prozent als Kraftstoff.

In Afrika und Asien wird Palmöl seit Jahrhunderten zum Kochen benutzt. In Europa ist es als Speiseöl ein sehr neues Phänomen – eines, das sich unter anderem der EU-Gesetzgebung verdankt. Seit 2009 darf die Menge an Transfetten in Nahrungsmitteln nicht mehr als zwei Prozent betragen. Nutella oder Margarinen, die oft bis zu 50 Prozent Transfette enthielten, mussten nach dem Verbot nach komplett neuer Rezeptur hergestellt werden. Die Lösung: Palm- statt Raps- oder Sojaöl. Der Verbrauch in Europa stieg rasant an. 2014 waren bereits 60 Prozent des gesamten weltweit verwendeten Pflanzenöls Palmöl. Rund 60 Millionen Tonnen wurden 2016 produziert. Die Tendenz ist steigend: Bis 2050, so Industrieschätzungen, soll der Verbrauch auf 240 Millionen Tonnen steigen. Das hat nicht nur Vorteile.

Das größte Problem der Ölpalme ist, dass sie sich nur in den Tropen richtig wohlfühlt. Wer sie großflächig anbauen will, muss dafür oft Regenwald fällen. „Das führt zu einem wahnsinnig großen Verlust an Biodiversität“, sagt Peter Hietz, Leiter des Departments für Integrative Biologie und Biodiversitätsforschung an der BOKU in Wien. Während in sogenannten Primärwäldern (bisher unberührte tropische Wälder) in Malaysia und Indonesien Zigtausende Tiere und Pflanzen leben, sind Ölpalmenplantagen Monokulturen.

Werden Wälder gerodet, wird außerdem all das CO2 freigesetzt, das in der Biomasse gespeichert war. Und in Borneo, wo riesige Ölpalmplantagen liegen, kommt ein weiteres Problem hinzu: „Dort gibt es, für die Tropen ungewöhnlich, Wälder auf Torfböden. Wenn die gerodet werden, wird im Laufe der nächsten Jahrzehnte all der Kohlenstoff, der im Boden steckt, frei. Das gibt noch mal einen viel schlimmeren Klimaeffekt als bei normalen Wäldern“, warnt Hietz. Hinzu kommt noch die Klimabelastung durch die Düngung, bei der Lachgas in die Atmosphäre gelangt – ein hochwirksames Klimagas. Sollten wir also einfach aufhören Palmöl zu benutzen? Die meisten Experten, auch Umweltschützer, sind sich einig: Nein, so einfach ist die Lösung nicht.

„Margarine oder Blätterteig ohne Palmöl ist illusorisch“, sagt Regine Schönlechner, Lebensmitteltechnologin an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien. Es kann in einem einfachen mechanischen Verfahren in feste und flüssige Teile getrennt werden und lässt sich beliebig fest bzw. streichfähig machen, es ist deutlich gesünder als andere vergleichbar feste Fette und es ist viel besser haltbar als etwa Butter. „Wenn Sie etwa einen Krapfen in Rapsöl frittieren, wird er sich bei Raumtemperatur fettig angreifen“, sagt Schönlechner.

Auch die Umweltschutzorganisation WWF geht davon aus, dass es nicht sinnvoll ist, auf Palmöl ganz zu verzichten oder es komplett durch andere Öle zu ersetzen. 2016 brachte die Organisation die Studie „Auf der Ölspur“ heraus, die sich mit Palmöl und möglichen Alternativen befasst. Das Ergebnis: Einige Ersatzöle wie Kokosöl würden das Problem nur verlagern, weil sie ebenfalls in den Tropen angebaut werden müssten. Für Ölpflanzen in gemäßigten Klimazonen wie Raps oder Sonnenblumen wäre der Platzbedarf so enorm, dass die Schäden mitunter noch gravierender wären. Und tierische Fette in diesen Mengen zu produzieren wäre sowieso eine Katastrophe. Die Lösung für das Problem? Nachhaltigerer Anbau, teilweiser Ersatz und – vielleicht am wichtigsten – weniger Verbrauch.

„Ich muss mir überlegen, was ich konsumiere, ob ich jeden Tag ein Croissant mit Nutella esse oder doch lieber zum Schwarzbrot greife“, empfiehlt Lebensmitteltechnologin Schönlechner. Der WWF rät, auf Palmöl als Biosprit komplett zu verzichten, weniger Fleisch zu essen – das reduziert den Verbrauch von Palmöl als Futtermittel in der Massentierhaltung – und eher frische Lebensmittel statt Fertigprodukten zu kaufen. In Deutschland etwa steckt knapp ein Fünftel des gesamten konsumierten Palmöls in verarbeiteten Lebensmitteln wie Tiefkühlpizzen, Chips oder Schokolade.

Palmöl ist außerdem nicht gleich Palmöl. „Die Frage ist immer: Was waren die Anbauflächen vorher?“, sagt Biodiversitätsforscher Hietz. „Muss ich roden oder kann ich eine andere Fläche umwandeln? Und wie betreibe ich den Anbau? Das muss keine Bioproduktion sein, aber man kann den Pestizid- und Kunstdüngereinsatz schon reduzieren. Ich boykottiere Palmöl nicht, das macht keinen Sinn. Aber mir ist es wichtig, dass es Druck auf große Nahrungsmittelkonzerne gibt, sich zu verpflichten, kein Palmöl von neu gerodeten Flächen zu kaufen.“ 

Zwar befindet sich zum Beispiel in Malaysia ein knappes Drittel der Anbaufläche auf ehemaligen Kakao- oder Gummiplantagen, zwischen 1990 und 2006 wurde aber mehr als die Hälfte aller neuen Anbauflächen gerodet. Das hat für die Anbauer den Vorteil, dass das Holz verkauft werden kann und der Boden noch nicht ausgelaugt ist wie bei alten Plantagen. Es tut sich aber etwas.

Mehrere Gütesiegel zertifizieren mittlerweile Palmöl aus einem Anbau, bei dem gewisse Nachhaltigkeitsmindeststandards eingehalten werden. Das wichtigste ist wohl das RSPO-Siegel (Roundtable on Sustainable Palm Oil), das vom WWF mitgetragen wird. Dafür darf das Öl nicht von Plantagen stammen, die auf nach dem November 2005 neu gerodeten Flächen angelegt wurden, Brandrodung ist komplett verboten, es gelten Mindeststandards für Chemikalieneinsatz und Arbeitsrechte. 2016 waren bereits knappe 20 Prozent der weltweiten Palmölproduktion RSPO-zertifiziert, für die Hälfte dieses zertifizierten Öls fand sich aber wegen des höheren Preises kein Käufer.

In einigen Ländern werden Alternativen zur herkömmlichen Palmölproduktion entwickelt, wenn auch bisher mit sehr geringem Output: In Costa Rica, wo per Gesetz überhaupt kein Primärwald gerodet werden darf, ist die Ölpalme unter Kleinbauern populär geworden, die damit ihre wenig produktiven Weideflächen bepflanzen. In Thailand gibt es mehrere Projekte, in denen Bauern mit Palmöl von kleinen, nachhaltigen Plantagen ihr Einkommen aufbessern. Und auch dank neuer, noch produktiverer Züchtungen tut sich etwas. So hat sich zwischen 1975 und 2011 die Anbaufläche für Palmöl zwar verfünffacht, die produzierte Menge ist aber gleichzeitig um das 16-Fache gestiegen.

Eine weitere Chance für teilweisen Ersatz liegt in einer speziellen Verarbeitung: Technisch ist es möglich, Pflanzenfette komplett „durchzuhärten“, wie Lebensmitteltechnologin Schönlechner anmerkt. Dabei entstehen, anders als beim früher üblichen „Teilhärten“, keine gesundheitsschädlichen Transfette. Das voll gehärtete Fett kann anschließend mit Öl auf die gewünschte Konsistenz verdünnt werden. „Das Problem ist aber, dass gehärtete Fette einen so schlechten Ruf haben, dass sie keiner kauft“, sagt Schönlechner.

In der Bäckerei Ströck ist Palmöl in den vergangenen Jahren trotzdem immer seltener geworden. Brot enthält gar kein Palmöl. Die Biosemmeln, die früher Palmöl für den flaumigen Teig enthielten, sind mittlerweile palmölfrei. Das Nugat, industriell oft mit Palmöl versetzt, ist bei Ströck auf Rapsölbasis. Nach wie vor enthalten ist es in manchen Plunderteigen. Die Margarine, die dafür verwendet wird, enthält ungefähr 20 Prozent Palmöl – RSPO-zertifiziert, versteht sich.

Text: Tobias Müller