Griffig & Glatt

Machen wir zu viel Tamtam um Ernährung?

„Hast du schon g’hört? Die Trudl isst jetzt keinen [denken Sie sich hier einfach ein beliebiges Lebensmittel hinein] mehr.“ Na bumm. Und auch wenn man gar nicht mal so genau wissen möchte, was Trudl isst oder nicht isst, ist man auf einmal mitten in einem Gespräch, das sich um die womöglich schönste Sache der Welt dreht: Essen. Und man führt dieses Gespräch womöglich so, wie es ein Schattenboxer in einem lichtdurchfluteten Stadion tun würde. Denn seien wir uns ehrlich: Obwohl wir täglich essen und von vielen Seiten mit Informationen und Ideen und Thesen und Inspirationen geradezu zugedeckt werden, wissen die meisten von uns eigentlich sehr wenig über das Thema Ernährung.

Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, wie intensiv unser Umgang mit Ernährung ist und wie fundamental die Folgen von Ernährung für unseren Körper, aber auch für unsere Umwelt sind. Da ist es eigentlich sehr schade, dass viele mittlerweile oft abwinken und etwas in Richtung „Bitte lass mich mit dem Thema in Ruhe!“ vor sich hinmurmeln.

Denn es ist ja so: Man kann das Thema aus irrsinnig vielen verschiedenen Richtungen angehen. Geschmack, Fitness, Herstellung, Auswirkungen – das sind nur ein paar Stichwörter, die Startpunkte für eine Auseinandersetzung sein können. Und es gibt viele Perspektiven und Meinungen. Manche vertreten sie entspannt, andere möchten missionieren oder Geld damit verdienen, und das kann alles auch dazu führen, dass man sich denkt, dass es vielleicht schon auch mal gut ist, wenn man das Thema mal in Ruhe lässt.
Aber das Thema ist wichtig und wird immer noch eigentlich bestenfalls stiefmütterlich behandelt. Es gibt von offizieller Seite Initiativen und Anleitung und in den Schulen widmet man sich dem Thema angeblich auch, aber wenn man ein wenig tiefer hineinschaut, merkt man schnell, dass hier viele Potemkinsche Dörfer gebaut wurden und werden. Und dass häufig zwar A erzählt, aber B serviert wird.

Eine kurze Geschichte der Wissenschaft

Es gibt freilich eine Disziplin der Wissenschaft, die sich dem Thema widmet: die Ernährungswissenschaft. „Die Ernährungswissenschaft oder Trophologie ist eine Naturwissenschaft, die sich mit den Grundlagen, der Zusammensetzung und der Wirkung der Ernährung befasst. Sie ist zwischen den Fächern Medizin und Biochemie angesiedelt.“ (Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Ern%C3%A4hrungswissenschaft) Schon allein in der Definition der Sache sehen wir, wie weit diese Disziplin gefasst ist. Das Studium ist enorm breit aufgestellt, bietet eine weitreichende Anzahl an verschiedenen Vertiefungsmöglichkeiten, aber als Ernährungswissenschaftler kann man freilich auch sehr alt werden und immer wieder Neues entdecken. Medizin und Biochemie zumindest in den Grundlagen ausreichend zu verstehen, um einschätzen zu können, was der menschliche Körper mit den verschiedenen kleinen und kleinsten Bestandteilen von Nahrung anfängt, wie sie sich bei einem Körper so und auf einen anderen Körper völlig unterschiedlich auswirken, das kann wahrlich zur Lebensaufgabe werden. Empirie, jahrelange Forschung, Experimentieren – all das gehört zur Wissensschaffung dazu und gerade im Fall der Ernährungswissenschaft gibt es einige Jahre aufzuholen. Was das Feld auch heute noch irrsinnig lohnend macht, nicht zuletzt deswegen, weil es eigentlich unmittelbar mit dem menschlichen Schicksal verbunden ist.

Historisch gesehen waren die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg keine rosigen. Die Ernährungswissenschaft, die vor allem im Europa des jungen 20. Jahrhunderts einigen Aufschwung gewann, hatte nach dem Weltkrieg, auch aus durchaus naheliegenden Gründen, einen schweren Stand. Gleichzeitig begann die Lebensmittelindustrie, immer wieder neue Produkte und Produktionsmöglichkeiten zu erschließen. Man musste schließlich zunehmend eine wachsende Population versorgen, und am besten wie immer schnell und günstig und, wenn’s geht, auch gut, aber das hatte zunächst keine Priorität.

Viele raffinierte Lebensmittel, die wir heute aus dem Supermarkt kennen, entstanden zu dieser Zeit und der Effekt, den diese Lebensmittel auf den menschlichen Organismus hatten und haben, wurde lange Zeit nicht wirklich erfasst. Auf der einen Seite gab es natürlich politische bzw. marktwirtschaftliche Interessen, auf der anderen Seite ein noch zu wenig ausgeprägtes Interesse und auch Bewusstsein für die Auswirkung von Ernährung. Diese historische Ebene kann man übrigens ganz hervorragend in Gary Taubes’ „Why We Get Fat: And What to Do About It“ nachlesen. Aber auch als allgemeiner Überblick zum Thema Ernährung sei dieses Buch jedem ans Herz gelegt.

Jedenfalls haben wir auch heute noch immer viele, viele offene Fragen, die von der Medizin und Biochemie und von der Ernährungswissenschaft noch lange nicht aufgeklärt sind. Das ist spannend, führt aber freilich auch dazu, dass man jede Meinung und jede These mit ein wenig Skepsis und Perspektive betrachten sollte.

Aber es geht ja nicht nur um den Körper

Ernährung ist aber natürlich nicht nur für das eigene Wesen, den eigenen Körper bzw. die menschliche Natur von unheimlich großem Einfluss, denn genauso wenig, wie der Strom aus der Steckdose kommt, kommt das Essen aus dem Supermarkt. Immer mehr Menschen leben heute in Ballungsräumen und immer weniger Menschen haben mit der Produktion von Lebensmitteln auch nur annähernd etwas zu tun. Es muss gar nicht allzu exotisch zugehen, um zu merken, wie schnell man mit dem eigenen Latein am Ende ist, wenn man sich auf das stützt, was man in der Schule gelernt und auf dem weiteren Lebensweg en passant aufgeschnappt hat. Wüssten Sie auf Anhieb, welches Gemüse zu welcher Jahreszeit in Ihrer Region wächst? Wo der Brokkoli herkommt? Wie die Pflanzen ausschauen, die uns Erdäpfel schenken?

Auch hier muss man sich vor Augen führen, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg einen irrsinnig raschen technologischen Fortschritt gegeben hat, was Produktionstechniken angeht. Die Felder wurden immer größer, mit immer raffinierteren Maschinen konnten die Erträge immer weiter gesteigert werden, die Erdäpfel wurden goldiger, runder und gleichförmiger, die Karotten orangener, jedes Gemüse wurde prächtig und irgendwann wurde so viel produziert, dass alle satt werden konnten, und zwar mehrmals, außer jene, die weiterhin hungern.

Diese Massenproduktion von Lebensmitteln, schon allein von Grundnahrungsmitteln, ist natürlich am Planeten nicht spurlos vorübergegangen. Einst vielseitige und höchst komplexe Biosysteme wurden zugunsten der höheren Rentabilität in reine Monokulturen umgewandelt, was nicht nur auf den Boden, sondern natürlich auch auf die ansässige sonstige Flora und Fauna einen enormen Einfluss hatte. Das immer energieintensivere Bearbeiten von Grund, der enorme Aufwand, der notwendig ist, um unsere Fleischversorgung sicherzustellen, und immer kompliziertere Verarbeitungsmethoden haben auch in Sachen CO2-Bilanz einiges an Schaden angerichtet und man weiß noch nicht mit Sicherheit, ob dieser Schaden überhaupt noch reparabel ist. Die ständige Verfügbarkeit von allem hat nun mal ihren Preis. Davon sind auch Lebensmittel nicht ausgenommen.

Und es gibt ein paar Möglichkeiten

So, jetzt kann man natürlich sagen: Es ist eh schon egal und man kann halt nichts machen und es sollen sich andere darum kümmern. Wir alle kennen jemanden, der oder die so denkt. Dabei ist das freilich Unsinn und auch egoistisch, denn man kann täglich etwas tun. Man muss nicht aufs Land ziehen und seine Rüben selber züchten, ohne Maschineneinsatz Unkraut jäten und auf alles verzichten, was nicht mit dem Fahrrad erreichbar ist, aber man kann zum Beispiel anfangen, darauf zu achten, woher zum Beispiel Paradeiser kommen, die im Jänner im Regal liegen. Und sich dann ein wenig darüber informieren, unter welchen Bedingungen diese Paradeiser hergestellt werden. Und sich dann vielleicht denken, dass der Gusto auf Paradeiser im Jänner vielleicht doch nicht so groß ist und dass man einfach auf den Sommer wartet, wenn sie auch nach mehr schmecken als nach einem Glas Wasser und auch nicht eine größere Distanz zurückgelegt haben als man selbst in einem eigentlich gar nicht reiseschwachen Jahr. Man schaut darauf, was auf dem Etikett steht, wo die Speisen herkommen, man informiert sich, wie sie produziert werden, und verzichtet auf jene Speisen, für die es viel Energie, Chemie oder beides braucht und deren Anbau oder Produktion einen großen Einfluss auf die Natur hat. Man schaut sich an, was wann um einen herum wächst. Und als groben Leitfaden kann man sich ja tatsächlich an den Eckpunkten Bio und Region und Saison orientieren, wenn es an Zeit und Muße mangelt, sich tiefer mit dem Thema zu beschäftigen. Vieles in diesem Bereich ist nicht nur Marketing. Damit tut man jedenfalls der Natur schon mal einen ordentlichen Gefallen.

Und auf der Mikro- sowie auf der Ichebene ist’s sicher auch insgesamt kein Fehler, sich ein wenig in die Thematik einzufühlen, vielleicht auch darauf zu achten, was der eigene Körper so sagt, wenn man bestimmte Nahrungsmittel mal eine Zeit lang weglässt. Man kann sich sogar einen Tracker besorgen, mit dem man den eigenen Kalorienverbrauch misst, und mit Apps dokumentieren, was man so täglich zu sich nimmt. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass man da einige Aha-Momente durchlebt, aber dafür im wahrsten Sinne Elementares über den eigenen Körper erfährt. Was natürlich insofern witzig ist, weil man ja mit dem, was man täglich und immer und ständig nutzt, eigentlich eher per Du sein sollte.

Aber Vorsicht walten lassen, sich nicht von allen möglichen Ideen, Diäten oder Ernährungswegen verrückt machen lassen, denn letztlich ist Ernährung vor allem etwas zutiefst Persönliches. Und gleichzeitig etwas wirklich Globales. Darum kann man um Ernährung gar nicht zu viel Tamtam machen. Man ist es sich selbst und der Umgebung eigentlich schuldig.