Griffig & Glatt

Das Lebensmittel #1

Im Jahr 2011 statuierte die UNO-Vollversammlung: „Der Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu sanitärer Grundversorgung gehört zu den Menschenrechten.“ Süßwasser ist für das Leben auf der Erde entscheidend. Es hat zwar nur einen Anteil von weniger als drei Prozent an den globalen Wasserreserven, dennoch wäre das vorhandene Vorkommen mehr als ausreichend. 

Allerdings hat die Natur, weltweit gesehen, für eine ungleichmäßige Verteilung gesorgt. Wir Österreicher importieren etwa 50 Prozent des virtuellen Wasserverbrauchs. Viele sehr wasserintensive Importgüter stammen aus Ländern, in denen Wasserknappheit herrscht oder die mit landwirtschaftlichen Problemen kämpfen.

Der Mensch, das Wasserwesen 
Die Flüssigkeitsmenge, die wir zum Überleben benötigen, gewinnt unser Körper über das Trinken und natürlich über die Nahrung, die zu einem großen Teil aus Wasser besteht, das in hohem Ausmaß in Obst und Gemüse enthalten ist. Das Wasser steckt also direkt und indirekt in Produktionsgütern und allen Lebensmitteln. In Summe brauchen wir Menschen zum Leben und Atmen über den Tag verteilt rund 2,5 Liter Wasser, und das auch in unseren gemäßigten Klimazonen. Schon ein geringer Mangel (rund 1,5 Prozent) des normalen Wassergehalts des Körpers lässt unsere kognitive Leistungsfähigkeit sinken und wir werden nicht nur schneller müde, sondern auch gereizter.

Ausreichend zu trinken, macht uns also nicht nur körperlich und geistig fitter, sondern sorgt auch dafür, dass wir verträglicher sind. Abgesehen von der Flüssigkeit, die wir mit fester Nahrung zu uns nehmen, empfiehlt die Österreichische Gesellschaft für Ernährung, dass wir uns mit mindestens 1,5 Litern Flüssigkeit pro Tag, und das am besten in Form von Wasser, ungesüßten Kräuter- und Früchtetees oder verdünnten Obst- und Gemüsesäften, versorgen. Jede unserer Körperzellen ist vom Urstoff allen Lebens durchdrungen. Der menschliche Organis­mus besteht zu fast zwei Dritteln aus Wasser, unser Gehirn und die Muskulatur bestehen hauptsächlich aus diesem Rohstoff. Wasser ist also nicht nur der wichtigste Baustein aller lebenden Organismen, sondern es regelt Funktionen wie die Verdauung, das Herz-Kreislauf-System und den Körperaufbau.

Die wichtigste Aufgabe des Wassers beim Menschen ist die Regulierung der Temperatur und des Stoffwechsels. Das Feuchtigkeitsreservoir schlechthin ist unsere Haut, die rund ein Viertel der gesamten Flüssigkeit speichert. Der Körper produziert ständig Wärme und wenn es zu viel wird, sorgt die Verdunstung des Schweißes auf der Haut dafür, dass wir innerlich nicht „verkochen“. Der Körper kühlt ab. Über unsere Haut und die Atmung verlieren wir ständig Wasser, nicht zu vergessen unsere sonstigen Ausscheidungen. Wir müssen daher unser Flüssigkeitsreservoir täglich neu auffüllen. Vielen von uns fällt es gar nicht leicht, über den Tag verteilt ausreichend zu trinken. Mit etwas Abwechslung bei der täglichen Auswahl und etwas Kreativität lässt sich dem gut beikommen. 

Trinkwasser 
Damit wir unseren Durst stillen können, landen auf unserem Tisch unterschiedliche Formen von Trink­wasser, die sich im Wesentlichen durch die Art der Gewinnung und ihre Zusammensetzung unterschei­den. Natürliches Mineralwasser hat seinen Ursprung in unterirdischen Wasservorkommen, die vor Verun­reinigungen geschützt sind und deren Inhaltsstoffe nur unwesentlich schwanken dürfen.

Durch seinen Lauf durch die Gesteinsschichten wird es mit unter­schiedlichsten Mineralien und Spurenelementen angereichert und wird direkt am Quellort in Flaschen gefüllt. Kohlensäure, Eisen und Schwefel dürfen zugesetzt oder entzogen werden. Tafelwasser kann Trinkwasser oder Mineralwasser sein, dem verschie­dene Inhaltsstoffe zugesetzt werden dürfen, wie zum Beispiel Meerwasser, Sole, Mineralien oder Kohlen­säure. Es darf überall hergestellt und abgefüllt werden. Quellwasser braucht keine amtliche Anerkennung, es muss jedoch den Trinkwasserkriterien entsprechen und am Quellort abgefüllt werden. Es entspringt wie Mineralwasser aus unterirdischen Wasservorkommen.

Heilwasser wird nicht als Lebensmittel eingestuft, sondern ist nach dem Arzneimittelrecht zugelassen. Es besitzt aufgrund seiner Inhaltsstoffe eine heilende beziehungsweise vorbeugende Wirkung. Seine Zusammensetzung muss detailgenau auf dem Etikett angeführt werden. Für Leitungswasser muss man nur den Wasserhahn aufdrehen und schon sprudelt das kühlende Nass aus dem Rohr. Es kann sowohl aus Grundwasser wie auch Quellwasser gewonnen werden. Das Wasser unterliegt strengen Bestimmungen und wird gemäß der Trinkwasserverordnung regelmäßig kontrolliert. Land des Wassers Österreich ist eines der wasserreichsten Länder Europas.

Rund 1.100 mm Niederschlag pro Jahr bescheren uns ausreichende Mengen vom kühlen Nass. Diese Menge entspricht dem doppelten Volumen des Bodensees. Unser Land ist von der Qualität des Trinkwassers her begünstigt, da bereits die Wasser­vorkommen bestmöglich geschützt werden. Wir Wiener sind einfach Glückspilze. Dank weiser Voraussicht und steter Weiterentwicklung ist Wiener Wasser der Superhero. 33.000 Hektar Fläche werden von den Wasserwerken und vom Forstamt gepflegt und gehütet wie ein Schatz, denn unter den Felsen und Wiesen liegt ein Ozean aus Trinkwasser. Unsere Quellgebiete liegen hauptsächlich in Nieder­österreich (Schneeberg, Rax) und in der Steiermark (Hochschwab) und sind seit dem 19. Jahrhundert im Grundbesitz der Stadt Wien. Die Quellgebiete entspre­chen der doppelten Fläche der Bundeshauptstadt. „Es ist einzigartig, dass wir hier die Natur bewahren und gleichzeitig die perfekte Qualität des Trinkwassers gewährleisten können“, erklärt Senatsrat Dipl.-Ing. Walter Kling als stellvertretender Betriebsvorstand der Wiener Wasserwerke. „Wir brauchen keine techni­sche Aufbereitungstechnologie, sondern wir schützen direkt an den Quellen und leiten bestmögliches alpines Quellwasser geschützt nach Wien. Über 100 und 200 Kilometer von Wien entfernt fließt das Trinkwasser ohne Einsatz von Energie in einer Freispiegelleitung in freiem Gefälle nach Wien. Auf diesem Weg erzeugen wir sogar noch Energie – 65 Millionen kWh pro Jahr. Das entspricht dem Strombedarf einer Stadt in der Größe von St. Pölten.

Unsere erste Hochquellenleitung wurde 1873 in Betrieb genommen – es ist also nichts, was wir erst in der Jetztzeit erfunden hätten. Wir haben die damalige technische Konzeption bewahrt, verbessert und kontrollieren mit 15 Messstationen ohne Unterlass. Dank der topografischen Lage haben wir immer ausreichende Wassermengen, sodass es zu keiner Wasserverknappung für die Bevölkerung Wiens kommt. Das macht uns weltweit einmalig.“ Zu Wasserverschwendung meint Dipl.-Ing. Kling: „Die Wiener Bevölkerung geht extrem bewusst mit dem Wasser um. Wir haben in Wien einen sinkenden Pro-Kopf-Wasserverbrauch. Vor 20 Jahren lag der Verbrauch noch bei 160 Litern pro Tag. Jetzt sind wir trotz rasant steigender Bewohnerzahlen (pro Jahr etwa um 30.000 Einwohner) in einem Bereich von 120 bis 130 Litern pro Person und Tag. Das liegt natürlich auch an sehr guten neuen Haushaltsgeräten, Installationen, Klospülungen und auch an verantwortungsvollen Gewerbebetrieben. Man geht einfach bewusster mit der Ressource Wasser um.“ Zu der Frage, ob das Wiener Wasser auch „priva­tisiert“ werden könnte, meint Dipl.-Ing. Kling:

„Die Diskussion darüber keimt immer wieder auf. Aber es gibt keine rechtliche und politische Institution, die einen Zwang ausüben könnte. Wien hat sich genau festlegt – das Wasser ist und bleibt in öffentlicher Hand. Die Kommunalpolitik sieht sich verantwortlich dafür und hat das in einer Wassercharta für Wien festgelegt. Der Schutz des Wiener Wassers ist im Verfassungsrang.

Ökologisch gedacht 
Das Lebensmittel Wasser wird von uns nur allzu gerne in praktischen Plastikflaschen gekauft. Gesün­der als Leitungswasser ist das Wasser aus der Flasche nach Meinung von Experten selten, verursacht aber ein ökologisches Desaster. Auf den Flaschen von Mineral- und Tafelwasser locken schneebedeckte Berge, saftige Wiesen und kristallklare Seen. Für die von Mineralwasserherstellern versprochene Wellnes­sidylle bezahlen wir gerne mehr – und verursachen mit unserem Wasser aus der Plastikflasche Müllberge aus Plastik.

Dabei stellt sich die Frage: Warum erscheint uns Wasser aus der Flasche geschmacklich oftmals besser als das Wasser aus der Leitung? „Grundsätz­lich hat das alles mit Geschmack nichts am Hut, aber es hat, ähnlich wie beim Wein, mit der Temperatur zu tun, dem wesentlichsten Geschmackskriterium bei Wasser“, so Walter Kling. „Das Wiener Wasser kommt mit rund acht Grad in Wien an und erwärmt sich auf seinem Lauf durch die Wiener Bezirke um rund zwei bis vier Grad. Bei einer Temperatur von beispielsweise acht bis zehn Grad schmeckt das Wasser aus der Leitung erfrischend und gut.“ Zwei Liter Mineralwasser kosten im Durchschnitt einen Euro.

Dafür bekommt man in Wien mehr als 570 Liter Hochquellenwasser – ohne jegliche Schadstoffe. Und abgesehen vom Preis sprechen vor allem auch noch ökologische Aspekte für das Wasser aus der Wiener Leitung. Was passiert schlussendlich mit unserem Wasser, wenn der Stöpsel aus der Badewanne einmal gezogen ist? Dann sorgt ein ausgeklügeltes, 2.550 km langes Kanalnetz dafür, dass das gesamte Wiener Abwas­ser kontrolliert zur stadteigenen Kläranlage nach Simmering gelangt – hauptsächlich in freiem Gefälle zu einem der topografisch am tiefsten gelegenen Punkte Wiens. „Wir klären alles“, sagt ebswien-Ge­neraldirektor Christian Gantner.

„Die Donau verlässt Wien in genau derselben Qualität, in der sie zu uns gekommen ist.“ Und so beginnt wieder ein neuer Wasserkreislauf … Wien gilt seit Jahren laut Mercer-Studie als lebens­werteste Stadt der Welt, nicht zuletzt auch wegen der Einmaligkeit des Wiener Wassers. Wasser ist Leben und „ohne Wasser geht nix“. Mehr zum Thema: wienwasser.at Text: Marianne Götzinger Fotografie: Wiener Wasser / Novotny / Knie, ebswien, Erich Götzinger