Griffig & Glatt

Craft Beer

„Hopfen und Malz, Gott erhalt’s” – so steht’s zum Thema Bier schon immer oder zumindest seit 500 Jahren, seit der Entstehung des Reinheitsgebots (hey, Jubiläum!), geschrieben. Dabei ist das Reinheitsgebot eigentlich nur in unseren Breitengraden so richtig bekannt und vielen sehr begabten Bier- und Braukulturen trotzdem völlig egal. In den letzten Jahren hat man aber auch bei uns begonnen, ein Gespür dafür zu entwickeln, dass es da draußen mehr gibt als köstliche helle Lagerbiere. Nicht alles davon ist Craft Beer, jedoch einiges. Aber fangen wir vorne an.

Was ist Craft Beer? Eine kurze Geschichte

Das, was später zu einer ausgewachsenen Bewegung werden sollte, hatte mehrere Startpunkte, geografisch gesehen. Einer von ihnen liegt in den USA, in Kalifornien, wo in den 1970ern immer mehr Leute genug davon hatten, immer dasselbe Bier von immer denselben drei Herstellern zu trinken. Zu dieser Verknappung des Angebots war es während der Prohibition und in der Zeit danach gekommen. Die damals aufgestellten Regeln betrafen auch die Bierbrauer, das Korsett für das Brauen von Bier war sehr eng, was dazu führte, dass sich einige wenige große Brauereien den Markt aufteilten. Der Weg des Craft Beer war in den USA also zunächst ein politischer. Es ging darum, dieses Korsett aufzuschnüren und Bier brauen zu dürfen, was eben in den erwähnten 70ern dazu führte, dass Kleinbrauereien wie Sierra Nevada entstanden, die damit anfingen, Alternativen anzubieten, zu den Buds und Anheuser Busch-Bieren und wie auch immer die auf den Massengeschmack getrimmten amerikanischen Lagerbiere alle heißen. Eigentlich gar nicht exotische Sorten, im angloamerikanischen Raum heimische, wie Pale Ales, Stouts, Porters, Bitters und Indian Pale Ales wurden wieder gebraut, alte Rezepte abgestaubt. Die Vielfalt nahm zumindest in der Nähe der entsprechenden Brauereien wieder deutlich zu.

Es ging diesen Leuten um Geschmack, aber auch um Handwerk (deswegen Craft Beer, Craft = engl. für Handwerk). Es geht darum, in kleinen Mengen Gutes zu zaubern und sich wieder daran zurückzuerinnern, dass Bier etwas sehr Komplexes sein kann, das sehr facettenreich schmecken und auf verschiedenste Arten gebraut werden kann, aus verschiedenen Rohstoffen. Und dass die Auseinandersetzung damit Spaß machen, aber auch Geschichte erzählen kann. Jedenfalls hängt seitdem die Definition eines Craft Beer in den USA auch von der Menge ab, die eine Brauerei erzeugt. Diese Menge wird laufend an das angepasst, was Sierra Nevada produziert, und geht man allein danach, dann wird in Österreich eigentlich ausschließlich Craft Beer gebraut.

Ein anderer Startpunkt dieser Bewegung war England, wo sich zum Beispiel eine andere Gruppe von Menschen zusammentat, um mit der „Campaign For Real Ale“ der „Rettung” dieser urenglischen Biersorte und ihrer Artverwandten nachzugehen. Auch diese Bewegung begann in den 1970er-Jahren mit ihrer Tätigkeit und ähnlich wie in den USA entstanden auch in England immer mehr Brauereien, die wegwollten von pasteurisierter, auf den Transport optimierter Massenware, wieder zurück zu dem, was man aus dem Pub kannte, frisch gezapft, lebendig, natürlich, wenn man so will. Der Begriff Craft Beer wurde für das, was dabei entstand, allerdings erst recht spät verwendet.

Diesen Begriff kann man nämlich auch so definieren: Ein Craft Beer ist ein Bier, das in nicht industrieller Art und Weise hergestellt wird und der Vertreter einer Biersorte ist, die in der jeweiligen Region eigentlich nicht heimisch ist. Das heißt, dass in Österreich ein Pale Ale, ein Porter oder ein Stout eben ein Craft Beer ist, weil unsere Vorväter diese Biersorten einfach nicht gebraut haben. Ein Wiener Lager wiederum, das vor 160 Jahren bei uns erfunden wurde und mit seiner Produktionstechnik die gesamte Bierproduktion revolutionieren sollte, gilt in anderen Gefilden, zum Beispiel in den USA oder in England, als Craft Beer.

Die Bierlandschaft Österreichs

In Österreich wird ja insgesamt so einiges an Bier getrunken. Je nach Jahr kommen wir auf über 100 Liter bzw. 200 Krügerln pro Kopf im Jahr. Damit liegen wir im internationalen Spitzenfeld. Pro Jahr werden knapp unter zehn Millionen Hektoliter Bier gebraut (zum Vergleich: Sierra Nevada allein braut 1,2 Millionen Hektoliter im Jahr) und das meistgetrunkene Bier ist natürlich das Helle. Der österreichische Biermarkt gilt als einigermaßen konservativ. Das musste schon die eine oder andere Brauerei feststellen, die unter ihrer eigenen Hausmarke Exoten wie IPAs unters Volk bringen wollte. Das hat kleinere Brauereien aber nicht davon abgehalten, sich dem Thema Craft Beer zu widmen. Und zusätzlich sind in den letzten Jahren viele, viele interessante Braustätten entstanden.

Eine davon ist das Brauwerk in Wien. Eine Handvoll von Ottakringer-Mitarbeitern, unter anderem Michael Neureiter, der heutige Chef vom Brauwerk, hatten schon länger mit der Idee, sich in kleinen Mengen interessanten, für Österreich untypischen Bierstilen zu widmen, gespielt. Am Rande der Braukulturwochen 2012 wurde diese Idee konkreter. Man begann zu planen und 2014 auch zu bauen und auf dem Gelände der Ottakringer Brauerei entstand das Brauwerk, eine eigenständige Brauerei mit ca. 1.500 Hektolitern Jahresvolumen. Platz fand sie in eigens dafür errichteten Gebäuden, die den alten Silotanks, die sich zuvor an jenem Platz befanden, nachempfunden sind. Mit vier verschiedenen Sorten beginnt die Geschichte des Brauwerks. Jede der vier Hausmarken baut auf traditionellen Bierstilen auf und wurde ganz im Sinne des Craft-Beer-Gedankens verfeinert und an persönliche Vorlieben angepasst. Schließlich geht es beim Craft Beer auch darum, einen Bierstil ganz nach dem eigenen Geschmack zu gestalten.

Über die Vielfalt der heimischen Braukunst kann man sich mittlerweile auf einigen entsprechenden Veranstaltungen informieren. Das Craft Bier Fest hat in Wien schon mehrfach die Zelte aufgeschlagen und ist jetzt auch in der Tabakfabrik in Linz zu besuchen. Immer mehr Lokale bieten heimische und internationale Köstlichkeiten und Spezialitäten an, Craft Beer liegt in letzter Zeit eindeutig im Trend.

Es macht aus vielerlei Hinsicht Sinn, ein Porter oder ein Ale in Österreich, in der eigenen Region zu brauen, anstatt es zu importieren. Zum Beispiel können die lokal gebrauten Biere unter ganz anderen Voraussetzungen gebraut werden. Sie werden schließlich keine weiten Wege gehen, müssen nicht pasteurisiert werden, können mit relativ geringem Aufwand einen wohltemperierten Weg von der Brauerei ins Lokal zu den Trinkenden zurücklegen und so in optimaler Qualität genossen werden. Das hervorragende Wasser, das uns in Österreich zur Verfügung steht, spielt für den Geschmack und den Genuss eines Biers natürlich ebenso eine entscheidende Rolle. Auch die biertrinkende Bevölkerung weiß das immer mehr zu schätzen. Mit 2% Anteil am Gesamtmarkt ist Craft Beer auch verkaufstechnisch auf dem Vormarsch.

Was vom Trend bleiben wird

Craft Beers sind gekommen, um zu bleiben, vielleicht nicht auf dem Massenmarkt, aber ganz sicher dort, wo Spezielles geschätzt wird. In der Gastronomie beginnt man gerade damit, dem Bier eine ähnliche Rolle beizumessen, wie dem Wein. Es entstehen Menüs, die spezielle auf bestimmte Biere abgestimmt sind, um die Geschmäcker und Aromen zu betonen, und wer das jetzt lächerlich findet, sollte dabei nicht vergessen, dass auch Weinmenüs in Österreich noch nicht allzu viele Jahre auf dem Buckel haben. Und dass man bei einem Bier verhältnismäßig mehr Spielraum hat, um den Geschmack zu steuern. Wenn man beispielsweise an die belgische Braukultur denkt, so weiß man, dass in einem Bier auch sehr viel Information stecken kann. In diesem Sinne prost, mit offener Nase und offenem Geist!

 

Text: Michael Knoll / Fotos: Lukas Lorenz