Team Ströck

"Härter als du denkst" - Die Alexandri-Schwestern im Interview - #teamströck

Synchronschwimmen gehört wohl zu den am meisten unterschätzten Sportarten. In der Öffentlichkeit wird es oft mit „ein bisschen Tanzen“, nur halt im Wasser, verglichen. Wie weit dieser Trugschluss von der Realität entfernt ist, beschreiben uns die Alexandri Schwestern Anna-Maria und Eirini.
FOTOS Lukas Lorenz – Ströck, OSV | TEXT Matthias Stelzmüller

Ihr seid mit 14 Jahren ganz allein nach Österreich gekommen und geblieben. Warum?
Aus Liebe zum Synchronschwimmen.

Von da an wart ihr mehr oder weniger auf euch allein gestellt. Hat sich jemand um euch gekümmert?
Wir sind direkt im Internat in der Südstadt eingezogen, um dort die Schule zu besuchen. Die Erzieherinnen des Internats waren eigentlich die einzigen Personen, die sich um uns gekümmert haben. Unsere Eltern konnten wir nur mehr zweimal im Jahr sehen. Das ist vor allem in den ersten beiden Jahren eine schwierige Situation gewesen. Besonders das zweite Jahr stach schmerzlich heraus!

Wieso war ausgerechnet das zweite Jahr schlimmer als das erste?
Im ersten Jahr waren wir neu hier, noch total euphorisch, und waren in einer Aufbruchsstimmung. Im zweiten Jahr hat sich das Warten auf die Staatsbürgerschaft hingezogen. Da ist es wirklich schwierig, sich für den Sport zu motivieren – wenn man nicht weiß, ob das ganze Projekt überhaupt eine Zukunft hat und wir für rot-weiß-rot starten dürfen.

Wie seid ihr in Griechenland zu diesem Sport gekommen?
Ursprünglich ging es nur darum, dass wir schwimmen lernen. Im Schwimmbad haben wir dann die Mädchen mit den schönen Badeanzügen gesehen, die diese elegante Sportart ausüben. Man hat uns das Interesse offensichtlich angesehen, weil uns die Trainerinnen direkt vorgeschlagen haben, den Sport auszuprobieren. Da war es recht schnell um uns geschehen.

Empfindet ihr Österreich als Sportnation?
Österreich ist für ein kleines Land schon ziemlich erfolgreich im Sport. Jetzt konnten unlängst erst Lukas Weißhaidinger und Verena Preiner bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften Medaillen gewinnen. Das ist schon beachtlich. Uns kommt es so vor, wie wenn Österreich immer in irgendeiner Disziplin etwas gewinnt. Sei es Judo, Karate, Leichtathletik oder Skifahren. Da wird vielleicht auch ein bisschen auf hohem Niveau gejammert.

Tut es euch leid, dass ihr nicht mehr in Griechenland seid?
Nein, überhaupt nicht.

Worin liegen die größten Unterschiede, wenn ihr die beiden Länder vergleicht?
Die Menschen und deren Mentalität. In Österreich sind die Menschen freundlicher, besonders die Männer. Ein Beispiel: In Griechenland in der Schule hat nach dem Läuten der Erste gewonnen, der in der Klasse saß – ohne Rücksicht auf Verluste (lacht). In Maria Enzersdorf in der Schule wurde uns sogar die Tür aufgehalten. Hier gibt es noch echte
Gentlemen (lacht). Noch ein Unterschied: Am Abend bleiben die Leute in Österreich eher zuhause. In Griechenland beginnt erst um 22 Uhr das Leben. Wir haben uns hier einmal um 21 Uhr verfahren und nicht mal mehr jemanden gefunden, der uns helfen konnte. Die Straßen waren wie ausgestorben (lacht).
Was muss man beim Synchronschwimmen mitbringen, um zu den Besten zu gehören?
Eine sehr gute Technik, Ausdruck, Beweglichkeit, Kraft, viel Ausdauer – und all das kombiniert!

Eure Trainerin hat gesagt, dass in eurem Sport die Schlaueste gewinnt. Gibt es bei euch eine Art Taktik, oder was bedeutet das genau?
Bei uns im Sport ist vor allem die Konzentration sehr gefragt. Es hat vieles mit Perfektion zu tun. Im Duett während der Choreographie muss man bei jeder Figur mindestens 10 potenzielle Fehler vermeiden. Du musst die Winkel beachten, stark sein, die Figur elegant präsentieren, auf den Gesichtsausdruck achten und so weiter. Es geht nicht einfach
nur darum es zu machen, sondern es geht vor allem um die Qualität.

Für jemanden, der keine Ahnung von eurer Sportart hat: Wie bewerten das die Kampfrichter? Gibt es dafür klare Regeln? Wenn ich als Laie zusehe, habe ich oft das Gefühl, dass gewürfelt wird.
Es gibt natürlich Bewertungsregeln, aber wie sehr man sich daran hält, ist wieder eine andere Frage. Ein Teil davon ist der Ausdruck, der zweite die Ausführung und der dritte Teil der Schwierigkeitsgrad. Wir haben uns schon öfter kritisch dazu geäußert aber am Ende des Tages nutzt das wenig. Es tut natürlich weh, wenn man ein Ergebnis nicht ganz nachvollziehen kann. Also dein Gefühl ist nicht ganz falsch, aber wir wollen gar nicht allzu viel dazu sagen.

Unter „Schwierigkeit“ kann ich mir jetzt noch etwas vorstellen, aber worauf kommt es genau beim Ausdruck und bei der Ausführung an?
Bei der Ausführung ist die Qualität entscheidend, was in unserem Sport bedeutet, dass man bei den Figuren außerhalb des Wassers immer komplett durchgestreckt sein muss, dass
man hoch aus dem Wasser kommt, die Synchronität stimmt und vieles mehr. Beim Ausdruck kommt es einerseits auf die Mimik an, und andererseits darauf, wie gut die Bewegungen zur Musik passen.

Man könnte jetzt mit sehr hohem Aufwand vermutlich einiges meßbar machen, aber im Prinzip entscheidet das freie Auge?
Ja, und manchmal zählt das Land, für das man startet, mehr als die Leistung.

Das würde mich frustrieren, aber ich denke, das ist ein Problem, das Sportarten mit derartigen Bewertungsmodalitäten teilen. Das ist der Öffentlichkeit bewusst und das verringert in meinen Augen auch das Interesse am Wettkampf. Umso größer der Respekt vor eurer Leistung.
Es nagt auch an unserer Motivation.

Wie lang müsst ihr eigentlich bei einem Durchgang die Luft anhalten?
Jetzt in unserem Duett sehr lang. Von drei Minuten sind wir über zwei Minuten unter Wasser.

Trainiert ihr dafür auch Apnoe Tauchen und wie weit könnt ihr eigentlich tauchen?
Wir trainieren recht häufig Bahnen zu tauchen, und von Vasiliki liegt der Rekord bei 75 Metern. Wir schwimmen auch oft 50 Meter Kraul, ohne dazwischen zu atmen.

Ihr seid drei Schwestern im selben Sport: wie sehr unterscheidet ihr euch voneinander?
Eirini: Ich versuche es höflich zu formulieren: Anna-Maria ist die Chefin (lacht). Anna-Maria: Eirini bringt dafür die Ruhe ins Team, und Vasiliki ist während dem Training die Ernste und außerhalb des Beckens die Lustigste. Ab und zu streiten wir, aber das ist normal. Wir sind ja tatsächlich die ganze Zeit zusammen. 24 Stunden am Tag. Mit jemand „Fremdem“ im Team zu sein und diese Intensität zu leben ist kaum vorstellbar.

Eure Schwester Vasiliki ist gerade beim Bundesheer und „nur“ eure Reservistin. Führt das nicht zwangsläufig zu Konflikten?
Sie hat das akzeptiert und ist bestimmt auf dem selben Niveau wie wir, aberwir passen von der Körperstruktur ein bisschen besser zusammen. Vasiliki ist muskulöser, aber dafür auch stärker. Also sie ist ganz sicher nicht die dritte wegen der Leistung. Deswegen bestreitet sie auch die meisten Bewerbe im Solo.

Die Olympischen Spiele rücken näher. Sind die Medaillen in Griffweite?
Da muss man realistisch bleiben, obwohl man uns schon vor Rio attestiert hat, dass wir in Tokio unter die Top vier kommen können. In unserem Sport hängt das leider nicht nur von uns ab.

Wie seht ihr die Wahrnehmung auf euren Sport in der Öffentlichkeit?
Die meisten glauben, dass Synchronschwimmen ein bisschen Tanzen im Wasser ist. Unser Sport wird definitiv unterschätzt.

Wie sieht ein klassischer Trainingstag aus?
Vor kurzem, bei unserem Aufenthalt in den USA, hatten wir Training von 7:30 bis 15:30 mit einer Stunde Pause. Unser Rekord liegt aber bei zwölf Stunden
Training. Davon waren zwei Stunden Aufwärmen, und dann waren wir zehn Stunden im Wasser. Ohne Pause und ohne Essen!

Ach hört auf! Was macht ihr da die ganze Zeit?!
Am besten du kommst selbst vorbei und trainierst mal eine Einheit mit! Du kannst auch gerne andere Sportler mitbringen.
Kann nicht schaden (lacht).

Die Einladung nehme ich gerne an, und danach werden wir darüber berichten! Gibt es überhaupt schon männliche Sportler im Synchronschwimmen?
In Österreich nicht, aber international! Die Frauen sind in diesem Sport noch um ein gutes Stück besser, und die Männer werden auch anders bewertet. Ein Mixed Duett bekommt mehr Punkte als ein Frauen Duett, damit sich der Sport entwickelt und olympisch wird.

Wie wichtig ist für euch Ernährung?
Sehr wichtig. Wir hatten eine Zeit lang eine Ernährungsberaterin, aber wir wissen auch selbst, was gut für uns ist und was nicht. Bei den Kohlenhydraten, die wir eher reduziert essen, ist es dann sehr wichtig, dass die Qualität besonders hoch ist. In dem Fall ist Ströck ein besonderer Partner, auf den wir zählen können. Süßigkeiten gibt es selten, Gemüse dafür umso öfter.

Was ist die wichtigste Lektion, die ihr beim Synchronschwimmen gelernt habt?
Nie aufzugeben und nie die Hoffnung zu verlieren. Wir haben 2014 die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten und waren bei der Weltmeisterschaft auf Anhieb neunte. In Baku wussten wir also schon, dass wir einige Länder schlagen können. Wir hatten die Medaillen von Baku als Bildschirmschoner und haben sie uns wirklich jeden Tag
angesehen – dazu noch jeden Tag beschworen, dass wir so eine haben wollen. Es wurde daraufhin Silber! Allgemein ist Synchronschwimmen ein
Sport, den man empfehlen kann. Man lernt dadurch mental stark zu sein, bekommt Disziplin und macht viel Bewegung.

Was ist die mentale Schwierigkeit in eurem Sport?
Synchronschwimmen kann sowohl Team- als auch Einzelsport sein. Man muss mit den Kollegen auskommen und sich arrangieren. Wenn ich im Duett ohne Rücksicht nur für mich selbst schwimmen würde, wäre das fatal. Als egoistischer Einzelsportler muss man lernen zusammenzuhalten.

Seht ihr euch mehr als Einzel- oder als Teamsportler?
Als Duett-Sportler (lacht).